Beschreibung des Projekts
Selbstbestimmt
Leben
Wir behinderte
Menschen sind die ExpertInnen in eigener Sache. Das betrifft unser eigenes
Leben und das betrifft die Rahmenbedingungen, in denen wir leben.
Selbstbestimmtes Leben ist eine Philosophie und eine Bewegung von Menschen
mit Behinderung, die sich für Chancengleichheit, mehr Respekt,
Selbstbestimmung / Selbstverantwortung im Lebens-Alltag und gegen
Fremdbestimmung einsetzen.
Selbstbestimmt Leben
heißt nicht, dass wir alles selbst machen wollen und niemanden brauchen oder
dass wir isoliert leben wollen. Selbstbestimmt Leben bedeutet, dass wir die
selben Wahlmöglichkeiten und Kontrolle über unseren Alltag verlangen, wie
sie unsere nichtbehinderten Brüder, Schwestern, Nachbarn und Freunde für
selbstverständlich halten.
Wir behinderte
Menschen sind für unser Leben selbst verantwortlich. Wir sind für unsere
Angelegenheiten kompetent und entscheidungsfähig.
Wenn wir zur
Entscheidungsfindung Hilfe benötigen, dann ist diese Hilfe, z.B. in Form der
Persönlichen Assistenz zu gewähren.
Nichts über uns ohne
uns!
Nothing
about us without us!
Persönliche Assistenz
„Assistenz” ist jede
Form der persönlichen Hilfe, die behinderte Menschen in die Lage versetzt,
ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.
Zeit, Ort und Person
sowie die Form der geleisteten Hilfe und Unterstützung können nur mit
persönlicher Assistenz von uns selbst bestimmt werden. Entscheidend sind die
Wahlmöglichkeiten; das heißt, der behinderte Mensch kann zwischen
verschiedenen akzeptablen Dienstleistungen auswählen. Diese erfüllen von
behinderten Menschen festgeschriebene Standards und helfen das Leben
selbstbestimmt zu führen.
„Ziel unserer
Behindertenpolitik muss sein, dem Einzelnen mehr persönliche Macht und uns
als Gruppe mehr politische Macht zu verschaffen. Triebfeder und Richtschnur
in dieser Arbeit ist unser Selbstrespekt. Erst wenn wir davon überzeugt
sind, dass wir die gleiche Lebensqualität verdienen, die andere für
selbstverständlich hinnehmen, werden wir uns nicht mehr unserer Behinderung
schämen, uns verstecken und ein Zuschauerdasein fristen, sondern am Leben
als freie und stolze Menschen teilnehmen“.
Adolf
Ratzka, Institut for Independent Living,
Stockholm, Schweden
Dokumentarfilm:
Blick Bestimmung
Bilder selbstbestimmter Leben
PAL, 74 min., Stereo, Dolby 5.1
Audiodeskription, Untertitel
Österreich 2003
Pressetext „Blickbestimmt“
Die Bilder, welche
wir uns von anderen Menschen machen, sind nicht nur visuelle Signale,
sondern auch gesellschaftliche Rollenzuschreibungen. Jung oder alt, aktiv
oder passiv, modern oder altmodisch, beneidens- und bemitleidenswert. Die
Bilder, welche in den Medien über behinderte Menschen verbreitet werden,
sind in hohem Ausmaß stereotyp. Armes Hascherl oder Partisan, Problemwesen
oder Leistungssportler. Dazwischen klafft ein großes Loch, und in diesem
Loch spielt sich das wahre Leben der behinderten Menschen ab.
Der Film „BlickBestimmung“
ersetzt das Vorurteil über behinderte Menschen durch konkrete Informationen
über das Leben einer Bevölkerungsgruppe, die sich selbst schon lang nicht
mehr als andersartig empfindet und deren Ungeduld, dass diese Sichtweise bei
vielen Menschen noch existiert, wächst.
Ich rate allen, die
den industriell vorgefertigten Bildern über behinderte Menschen nicht mehr
trauen, diesen Film anzuschauen. Er ist deswegen bedeutend, weil er gelassen
und unspektakulär arbeitet. Er ist pragmatisch, wo andere Ideologien
bemühen. Er ist konkret, wo andere mutmaßen. Er erzählt, wo andere
schwadronieren. Und: Er hat den Witz, der Erkennt-nisse ermöglicht.
Erwin Riess
Buch
Wer den Blick
bestimmt,
bestimmt die
Perspektive!
Darum haben selbst
bestimmte Menschen einen Film über Ansichten und Aussichten ihres Lebens
gemacht. Die Blickwinkel in „BlickBestimmung“ sind neu, sie sind „Bilder
selbst bestimmten Lebens.“ Wenn sich die U-Bahn füllt, stehen wir aneinander
gedrängt, unser Auge fällt auf Gesichter, die zu nahe kommen, auf Ärger,
Unmut, Aggression. Aber halt: Im Film BlickBestimmung fällt der Blick auf
Hände, die sich um Haltestangen legen, Unterarme, immer mehr Unterarme,
kreuz und quer Unterarme. Vom Rollstuhl aus hat die Welt ein anderes
Gesicht. Oder doch nicht? Hans Hirnsperger,
einer von elf Porträtierten reflektiert, dass bei ihm „Zeiten der
Verleugnung von Zeiten der Auseinandersetzung“ abgewechselt werden. Und fügt
hinzu, dass es wohl allen Menschen so ginge. Martin Bruch kurbelt auf seinem
zum Fahrrad mutierten Rollstuhl durch das Land. „Ich kurble die ganze Zeit,“
sagt er, „ich kurble und kurble und kurble. Manchmal kurble ich meiner
Krankheit davon, aber sie ist immer knapp hinter mir und sie holt mich schon
auch ein. Aber that´s life.“
BlickBestimmung zeigt
auch viel Freude. Waltraud Wiesinger findet auf der Straße ein Video über
„Krüppelsex“ und schaut es sich nicht an, oder vielleicht doch? Barbara Levc
ertastet auf einem erhabenen Stadtplan mit ihren Händen das Gebiet um die
neue Murinsel, um gemeinsam mit ihrem Sohn dorthin zu spazieren. Sie sieht
ihn nicht, wenn er später auf dem Kletterturm herumturnt, aber sie hört sein
fröhliches Jauchzen. Barbara Schuster erhält einen Brief vom Amt, sie möge
dringend anrufen. Sie geht persönlich hin, um zu erklären, dass sie nicht
hören kann. Ihre Belustigung über den ignoranten Staatsdiener überträgt sich
auf den Zuschauer. Der Mann vom Amt hingegen ist völlig verwirrt.
Die Botschaft von
Bernadette Feuerstein ist voller Kraft. Ihr Rollstuhl und sie bleiben im
Hintergrund, das Bild beherrscht ihre kleine Tochter Lea, die wie alle
glücklichen Kinder ihren Part im Mittelpunkt der Erwachsenenaufmerksamkeit
vollauf genießt. Niki Prasek, dem zwei Impfungen Schaden zugefügt haben,
arbeitet in einem Studentenlokal. Mit freundlicher Gelassenheit versorgt er
ruhig die Tische. Alles paletti also?
Wenn Jasna Puskaric
zu ihren Vorlesungen von Schwechat an das Juridicum nach Wien fährt, machen
eine kleine Schwelle, ein Verkehrsmittel ohne Rampe oder eine schlecht
ausgebildete Straßenbahn-Fahrerin ihren Weg zum Hindernislauf. Selbst
bestimmt leben, können die meisten der Hauptdarsteller von „BlickBestimmung“
nur mit persönlicher Assistenz. Das für alle zu erreichen ist ihr großes,
gemeinsames politisches Anliegen. Dafür kämpft Eberhard Zumtobel: „Das ist
wie mit einem Baum im Frühling. Es gibt noch kahle, starke Äste, aber die
Knospen müssen erst aufspringen, erblühen, Blätter müssen sich entwickeln.
Das alles braucht Zeit.“ Auch Volker Schönwiese ist engagiert in diesem
Kampf um Unterstützung und Hilfe. Der Professor an der Universität
Innsbruck fordert ein „Gleichstellungsgesetz,“ damit behinderte Menschen die
Garantie auf dieselben Rechte haben, wie sie für alle gelten.
Und dann zeigt
BlickBestimmung noch etwas, das ganz selten ist - die reine Freude. Olivia
Thorpe lernt Sota Istrevi kennen, die sich als ihre neue persönliche
Assistenz vorstellt. Aus der Perspektive von selbst bestimmten
Menschen entsteht große Klarheit. Wie auch aus dem Film BlickBestimmung: Er
ist gelassen und doch von einer heiteren Rasanz, er ist unspektakulär und
doch eindringlich durch seine alternative Perspektive, er zeigt Menschen,
die es nicht leicht haben, und er bringt sie uns nahe durch ihre
Reflexionen, politischen Ansprüche, ihr Glück und ihre Ernsthaftigkeit. Es
ist eine Blickreise wert, mit BlickBestimmung die Perspektive zu ändern.
Peter Menasse
11 Portraits
zeigen
Einblicke in den
Alltag
und Wege des
Lebens
Nicht nur die
Portraits handeln von selbstbestimmtem Leben behinderter Menschen, sondern
auch die Entstehungsgeschichte des Filmes und die Produktion richten sich
nach dem Selbstbestimmt Leben Prinzip. So waren behinderte FilmemacherInnen
federführend beteiligt. In allen Planungs- und Entscheidungsphasen haben
behinderte Menschen die entscheidende Rolle gespielt.
Das Selbstverständnis
behinderter Menschen hat sich gewandelt: weg vom Betreut- Werden zu einem
gemeinsamen Lebensweg
·
nicht die Defizite der
behinderten Menschen stehen im Zentrum, sondern Fähigkeiten und Bedürfnisse
·
Selbstbestimmung statt
Fremdbestimmung
·
Persönliche Assistenz statt
Betreuung
·
nicht Problemlösung sondern
Lebensplanung
·
nicht nur Arbeitsassistenz,
sondern auch Assistenz am Arbeitsplatz
·
behinderte Menschen können und
wollen sich in allen Lebensbereichen entfalten, teilnehmen und auch
Berufskarriere machen etc.
Bernadette Feuerstein
Der Film
BlickBestimmung ist unser Beitrag für
die geänderte
Sichtweise und bietet neue Perspektiven.
Das Projekt QSI
Der Film
Blick-Bestimmung ist ein Produkt von SLI Wien für die EQUAL
Entwicklungspartnerschaft QSI (Quality Supported Skills for Integration),
die sich der Qualitäts-sicherung in der Integrationsarbeit widmet.
QSI ist eine von 58
österreichischen Entwicklungspartnerschaften, die im Rahmen der europäischen
Gemeinschaftsinitiative EQUAL Strategien gegen Diskriminierung am
Arbeitsmarkt erarbeiten und innovative Standards zur Integration
benachteiligter Gruppen in den Arbeitsmarkt entwickeln. Ziel von QSI ist es,
Ausbildungen und Qualitätskriterien für die Ausbildung von
Integrationsfachkräften zu entwickeln. Denn behinderte Menschen können sich
nur dann gut in den Arbeitsmarkt integrieren, wenn sie dabei von Profis
unterstützt werden, die um die Rahmenbedingungen „behinderten“ Lebens
Bescheid wissen. Behinderte Menschen und ihre Angehörigen bringen daher ihr
Wissen und ihre Forderungen als ExpertInnen in eigener Sache in das Projekt
QSI ein.