Barrierenfrei Bauen
Die ÖAR, die „Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation", ist die Dachorganisation der österreichischen Behindertenverbände mit derzeit rund achtzig Mitgliedsorganisationen, vom Kriegsopfer- und Invalidenverband bis zum Blindenverband, darunter auch viele kleinere Verbände. Wir unterhielten uns mit den ÖAR-Mitarbeitern Eduard Riha und Ing. Bernhard Hruska.
Eduard Riha: Barrieren abbauen
Was der ÖAR in erster Linie tut: Er macht die Anliegen dieser einzelnen Organisationen verhandlungsreif. Sobald irgendwelche Sorgen und Anliegen an uns herangetragen werden, bereiten wir diese auf, leisten entsprechende Vorarbeiten sorgen für eine gewisse Solidarität zwischen allen diesen mitunter sehr bunten und vielfältigen Gruppen und vertreten diese Anliegen dann gegenüber dem Bund und gegenüber den Sozialversicherungsträgern.
Wir sind somit die „Informationsschnittstelle" zwischen den Verbänden und den offiziellen Stellen, sowohl den staatlichen als auch gegenüber Institutionen wie der Sozialversicherung. Selbstverständlich sind wir überparteilich und religiös neutral und wie üblich in Österreich ein Verein auf gemeinnütziger Basis.
Meine Funktion im speziellen ich bin seit rund 20 Jahren dabei ist alles, was man unter dem Schlagwort Barriereabbau zusammenfassen könnte. Das betrifft sowohl den Bereich Bau wie auch den Bereich Technik. So haben wir beispielsweise Vorschläge für einen speziellen Waggon für Rollstuhlfahrer entwickelt, v0on dem nun immerhin 45 Stück im Einsatz sind gemessen am Bedarf in Österreich immer noch viel zu wenig, aber immerhin ein Anfang.
In dieser Funktion bin ich auch seit 1981 beim österreichischen Normungsinstitut tätig, ich bin somit einer der „Väter" der ÖNORM B 1600, der einschlägigen Bestimmung für barrierefreies Planen und Bauen. Hier beschäftigt sich ein eigener Fachnormenausschuss, der sich mit der Normierung von Hilfsmitteln beschäftigt.
Das Netzwerk
Im Zuge dieser Tätigkeit ist Anfang der Neunziger Jahre ein „Netzwerk" aller beratenden Stellen in Österreich entstanden. Es nennt sich „Netzwerk der österreichischen Beratungsstellen für barrierefreies Planen und Bauen" und umfasst Planer und Architekten ebenso wie einschlägige Beratungsstellen, wie sei seit Jahren von Gemeinden ebenso wie von Bundesländern betrieben werden, usw.
Dieses Netzwerk trifft sich regelmäßig, tauscht Ideen aus und macht gemeinsam Öffentlichkeitsarbeit. Eine der besonderen Funktionen dieses Netzwerkes ist, dass es ganz spezielle Schwachstellen bei der Information aufdeckt und versucht, diese durch ganz konkrete Informationsunterlagen Merkblätter mit genauen Angaben und Zeichnungen zu beseitigen.
Ein Beispiel: Bei der Errichtung öffentlicher WCs für Rollstuhlfahrer kam es immer wieder zu kleinen, aber gravierenden Planungsfehlern in der Detailplanung. Zwar beschreibt die ÖNORM B 1600 dies recht klar, was allerdings tatsächlich gebaut wurde, hatte oft kleine Fehler und Mängel, die den Nichtbehinderten meist kaum auffallen, für Menschen im Rollstuhl jedoch oft sehr unangenehm sind. Beispielsweise die Sitzhöhen, die Anordnung der Haltegriffe und ähnliche Details.
Daraufhin entwickelte das Netzwerk ein Sanitär-Merkblatt, in dem die genaue Anordnung aller Elemente einfach und eindeutig dargestellt sind, inklusive aller Abmessungen, Bedienhöhen, Positionierungen für Haltegriffe, etc.
Ein solches Merkblatt ist nicht so sehr an den Planer gerichtet, der in der Regel ohnehin die Vorschriften kennt, als vielmehr an den Professionisten, der die betreffenden Einbauten in der Praxis vornimmt und letztendlich für diese Details verantwortlich ist. Mit diesem Merkblatt sieht er ganz genau und eindeutig, wo er welche Gegenstände montieren muss, damit auch die späteren Nutzer hier keine Schwierigkeiten haben.
In der gleiche Art und Weise sind derzeit drei weitere Merkblätter in Vorbereitung, eines für die Ausstattung von Spielplätzen, weil im Zuge der Integration Behinderter in Schulen und Kindergärten öffentliche Spielplätze auch von diesen benützt werden.
Ein weiteres Merkblatt befasst sich mit dem Thema „Schrägaufzüge und Hebebühnen", diese werde oft bei altem Baubestand eingesetzt, um diese Gebäude (oder zumindest Teile davon) auch für Behinderte zugänglich zu machen. Auch für das Thema Aufzüge generell ist ein solches Merkblatt in Vorbereitung. Diese Merkblätter fertigzustellen, ist derzeit eine der aktuellen Aufgaben des Netzwerkes.
Genaugenommen sind diese drei Merkblätter schon komplett fertig, es fehlen aber noch Inserenten, weil wir die Druckkosten dieser Folder durch Inserate und Einschaltungen finanzieren. Hier suchen wir noch Inserenten bzw. Sponsoren.
Viele weitere Anliegen
Wir waren auch jene Organisation, die Ende der Achtziger Jahre begonnen hat, die Diskussion um das Pflegegeld zu forcieren. Deswegen gibt es seit rund zehn Jahren Pflegegeld für jene Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung einen beachtlichen Betreuungs- und Pflegeaufwand haben, der auch Kosten verursacht. Hier konnten wir durchsetzen, dass der zusätzliche Aufwand dieser Menschen sehr wohl abzugelten ist.
Ein weiterer Punkt, für den wir uns eingesetzt haben, ist der Artikel 7 der österreihchischen Verfassung. Hier wurde extra der Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." eingefügt, während bisher nur allgemein formuliert war, dasss „alle Menschen vor dem Gesetz gleich" wären.
Diese Änderung in der Verfassung bildet somit eine wichtige Grundlage für eine weitere wirkungsvolle Gesetzgebung zum Nutzen Behinderter und zugleich eine Möglichkeit, um diskriminierende Bestimmungen wesentlich leichter als bisher abschaffen bzw. verbessern zu können.
Ein Problem ist, die Information auch an alle unsere Mitglieder heranzubringen. Hierzu produzieren wir die Zeitschrift „Monat", die elfmal im Jahr erscheint und mit einer Auflage von 32.000 Stück gedruckt wird.
Sie geht nicht nur an alle unsere Mitgliedsorganisationen, sondern ebenso auch an viele Stellen, die sich von Berufs wegen oder aus persönlichem Interesse mit diesem Themenkreis befassen.
Ing. Bernhard Hruska: Lösungen für die Praxis
Einer der Punkte, die uns am Herzen liegen: In jedem Bundesland gibt es eine eigene Bauordnung, dazu in vielen Städten weitere Bestimmungen, die oft nur dort alleine gelten. Trotzdem gibt es für Behinderte meist überall die gleichen bzw. sehr ähnliche Probleme und Beduerfnisse.
Eines unserer Anliegen ist daher, dass funktionierende und empfehlenswerte Lösungen, die punktuell an einer Stelle erarbeitet wurden, dann auch den anderen Mitgliedern unseres Netzwerkes in allen Bundesländern verfügbar sind.
Das kann technische Lösungen ebenso umfassen wie die Anwendung bestimmter Hilfsmittel oder eine bestimmte Vorgangsweise betreffen. So ist in der Steiermark beispielsweise das barrierefreie Bauen nicht in der Bauordnung geregelt, hier wird es vielmehr über die Wohnbauförderung reglementiert: Nur wer entsprechend der ÖNORM B 1600 baut, bekommt eine Förderung. Hier ist ein laufender, österreichweiter Informations- und Erfahrungsaustausch im Gange.
Eine dieser neuen Lösungen sind etwa Maßnahmen für Hörbehinderte. Da werden in einzelnen Kinos Induktionsschleifen verlegt. Darüber wird der Filmton direkt in die Hörgeräte übertragen ohne Umgebungsgeräusche, ohne Raumhall und ohne all jene Verzerrungen, wie sie Lautsprecheranlagen vor allem in älteren Kinos noch aufweisen.
Auch bei einer öffentlichen Diskussion, beispielsweise in einem Hörsaal, können diese Menschen mit einer solchen Anlage die Sprecher bestens verstehen. Dabei sind die Kosten für den Einbau einer solchen Anlage vergleichsweise minimal. Die Ausstattung von weiteren Vortragssälen und/oder Kinos mit solchen Anlagen wäre eine kostengünstige Möglichkeit, auch Hörbehinderte hier mit einzubeziehen.
Das sind einige Beispiele für jene Informationen, die bei den Netzwerktreffen ausgetauscht und weitergegeben werden.
Viele kleine Bausünden
Gerade in den Details gibt es oft noch arge Bausünden. So Seite gibt es in Graz an der TU eine Rampe, die leider mit einer (!) Stufe beginnt. Folgt der Rollstuhlfahrer dagegen der Beschilderung, so gelangt er zu einem Seiteneingang. Die Tür neben dem Schild „Eingang", die er dort vorfindet, führt allerdings ausgerechnet in den Müllraum.
Dabei kommt eine Nachrüstung generell immer um vieles teurer als das Einplanen solcher Einrichtungen. Eine der wenigen lobenswerten Ausnahmen beim Wienerberg Tower geht die Tür des Behinderten-WCs automatisch auf ist heute leider noch eine Seltenheit. Der Grund dafür könnte allerdings sein, dass hier eines der Vorstandsmitglieder Rollstuhlfahrer ist.
Gerade die Rampen, wie sie für Rollstühle oft in öffentlichen Gebäuden neben Treppenstufen installiert werden, sind übrigens Anlass zu einer interessanten Beobachtung: Viele auch junge und sportliche Nichtbehinderte ziehen die Rampe den Treppenstufen vor, insbesondere dann, wenn die Benutzung der Rampe keinen zusätzliche Umweg bedeutet.
Somit könnte man die Frage stellen: Wer braucht hier überhaupt noch eine Treppe? Könnte man nicht statt dessen gleich die Rampe verbreitern? Dann könnten Behinderte und Nichtbehinderte hier „den gleichen Weg gehen", und es könnten die Radfahrer ebenfalls ihre Vehikel leicht hinaufschieben.
Neue Medien
Während diese Netzwerk-Treffen einmal jährlich stattfinden, sind wir gerade dabei, auch die Möglichkeiten des Internet für unser Anliegen zu nutzen. Die Homepage des ÖAR ist unter „http://silverserver.co.at/oear/" zu finden, sie ist zwar noch im Aufbau, bietet aber schon jetzt einige Informationen wie z.B. die letzten Ausgaben der Zeitschrift „Monat", Termine einschlägiger Veranstaltungen und viele Links.
Auf diesem Weg soll auch jemand, der sich nicht tagtäglich mit diesem Thema beschäftigt, rasch zu nützlichen und verwertbaren Informationen geführt werden.
Es ist leider eine Tatsache, dass viele, die im sozialen Bereich bzw. im Behindertenbereich tätig sind, damit buchstäblich „alle Hände voll" zu tun haben. Somit können wir größere Projekte nicht einem Einzelnen aufbürden, sondern müssen sie meist in kleinen Gruppen gemeinsam angehen. Auch hier sind die neuem Medien eine sehr nützliche und hilfreiche Einrichtung.
Genaugenommen wurde hier die Vernetzung als Arbeitsmethode, wie speziell sie seit der Verbreitung des Internet vielfach propagiert wird, in diesem Netzwerk schon umgesetzt und angewandt, bevor es das Internet überhaupt gab.
In diesem Zusammenhang eine kleine Anekdote: Vor einigen Jahren wollte das „Institut für Soziales Design" eine bundesweite Vernetzung aller dieser Beratungsstellen in Österreich realisieren. Bei den Vorstudien hierzu hat sich dann aber ergeben, dass diese geplante zentrale Bundesstelle für die Funktion des Netzwerkes überhaupt nicht erforderlich ist. Es ist dagegen für die beteiligten Organisationen viel wichtiger, als Netzwerk zu agieren. Dieses Netzwerk hat sich, wie die Praxis zeigt, im Laufe der Jahre noch dazu sozusagen „selbst optimiert".
Zur Person:
Ing. Bernhard Hruska hat ein eigenes Planungsbüro und befasst sich mit den Schwerpunkten barrierefreies Bauen und menschengerechte Architektur. Außerdem ist er im Österreichischen Normungsinstitut in verschiedenen einschlägigen Fachnormenausschüssen tätig und ist zudem beim Verein „selbstbestimmt leben", einer Behindertenorganisation, bei der sich die Betroffenen selbst vertreten, in einigen Arbeitsgruppen beratend tätig.
Das Gespräch führte
Ing. Adolf Hochhaltinger
(hochhaltinger@eunet.at)
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