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9. November :

"Behindert sein gestern, heute, morgen\"

Wie beeinflusst das Menschenbild der Vergangenheit das Verständnis

von Behinderung?
Was führt zum Paradigmenwechsel

Gäste: Annemarie SRB-Rössler, Bizeps
Dr. Günther Schuster, Bundessozialamt
Thomas Weissenbacher, People First Vienna ( mit Unterstützerin:
Maud Paulissen )
Moderation: Walter Lindner

Das Team:  Am Ende der DGG

Willkommen zur heutigen live Diskussion von DGG

Sie können während der nächsten Stunde live an unserer Diskussion teilnehmen, indem Sie uns eine E-Mail schicken unter info@qsi.at <mailto:info@qsi.at>
Diskussion gehört gelesen ist als barrierefreies Medium zu hören
unter <http://>1476.orf.at
Diskussion gehört gelesen - Radio mit Untertiteln wird gemeinsam
von Freak-Radio und dem ORF Radio 1476 sowie der
Selbstbestimmt Leben Initiative Wien im Rahmen des Equal-Projektes
Sie hören eine Diskussion aus der Reihe Diskussion gehört gelesen. Diskussion gehört gelesen ist eine Zusammenarbeit von Freak Radio, dem ORF Radio 1476 und der Equal Entwicklungspartnerschaft QSI quality supported skills for integration- Qualitätskriterien im integrativen Bereich, die sich der Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit verschrieben hat. Die Selbstbestimmt Leben Initiative Wien gestaltet diese Integrationsplattform zum Thema
Qualität in der Integration. Der barrierefreie Informationsaustausch steht dabei im Vordergrund

Eine Kooperation von Freak-Radio, QSI, SLI und dem ORF.

DER LIVETALK IM INTERNET ZUM NACHLESEN!
 
Walter Lindner (Moderation): Wunderschönen guten Abend, im Namen der Redaktion, der Technik und der Transkriptoren. Es begrüßt Sie Walter Lindner recht herzlich zu einer Stunde Freak-Radio. Unsere Serie ‑Diskussion gehört gelesen trägt heute den Titel ‑Behindert sein gestern, heute und morgen. Ein großes Spektrum tut sich unter dieser Überschrift natürlich auf und wir haben auch einige interessante Studiogäste eingeladen, die sich jetzt bei ihnen der Reihe nach vorstellen möchten und ich bitte Ladys first mit der Dame zu beginnen.
 
 Annemarie Srb-Rössler:

Mein Name ist Annemarie SRB-Rössler, ich bin Elektrorollstuhlfahrerin, arbeite im Bizeps. Bizeps ist ein Zentrum für selbstbestimmtes Leben. Wir alle, die wir dort arbeiten, sind behindert und beraten behinderte Menschen in allen Lebenssituationen, wo sie Hilfe und Unterstützung von uns verlangen und wollen. Und ich arbeite auch noch in einem Projekt, dass sich nennt ‑Behinderte Menschen in Wiener Gesundheitseinrichtungen, wo wir dabei sind, das Menschenbild von behinderten Menschen anders zu beleuchten, indem wir nicht als Bittsteller da sind und über Stufen hinaufgetragen werden wollen, von Samaritern zum Arzt, sondern indem wir fordern, dass
 Ärzte ihre Ordinationen Behindertengerecht und somit Menschengerecht gestalten.
 
 
Walter Lindner (Moderation): Ebenfalls herzlich begrüßen möchte ich Herrn Dr. Günther Schuster, guten Abend.
 
 Dr. Günther Schuster:

Guten Abend, mein Name ist Günther Schuster, ich bin von der Ausbildung her Jurist, bin seit mehr als 20 Jahren im Bundessozialamt tätig, bin derzeit Landesstellenleiter für das Bundesland Wien. Das Bundessozialamt ist seit vielen Jahrzehnten in der Arbeit für Menschen mit Behinderung tätig, beginnend mit der Kriegsopferversorgung und derzeit mit dem aktuellen Schwerpunkt Menschen mit Behinderungen in das berufliche Erwerbsleben zu integrieren. Privat bin ich verheiratet und
 habe zwei Töchter im Alter von 17 und 22 Jahren.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Last but not least begrüße ich recht herzlich Herrn Thomas Weissenbacher, guten Abend.
 
 Thomas Weissenbacher:

Guten Abend, mein Name ist Thomas Weissenbacher, ich komme von der Selbstvertretergruppe, die ‑Vienna People First heißt. Selbstvertretung deshalb so
 herausgestrichen, weil noch immer nicht klar ist, dass Selbstvertretung etwas selbstverständliches sein sollte. Sonst bin ich Werkstättenbesucher von Jugend am Werk, mache dort Kreativarbeiten.Ich bin auch Werkstättenratsmitglied. Werkstättenräte gibt es in Jugend am Werk noch nicht sehr lange, erst in etwa ein einhalb Jahre. Muss sich erst weiter ausbilden. Wir streben jetzt eine gesetzliche Verankerung an, damit es hier eine Rechtssicherheit gibt.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Unsere Gäste haben sie kennen gelernt, nach ein paar Takten
 Musik steigen wir in die Diskussion ein.
 
 MUSIK
 
Walter Lindner (Moderation):
 Zum Thema Behindert sein gestern, heute, morgen wollen wir während der nächsten knapp 50 Minuten noch diskutieren. Wenn Sie ihre Statements dazu abgeben möchten, können sie das tun, schicken Sie uns eine Mail unter der Adresse info@qsi.at . Und unsere Gäste werden dann im Laufe der Sendung die eine oder andere beantworten. Gehen wir einige Jahrzehnte zurück. Behindert sein in der Vergangenheit. Was war das, was hat das für Folgen für die behinderten Menschen gehabt? Frau Annemarie SRB-Rössler, sie können wahrscheinlich das eine oder andere dazu erklären und erzählen?
 
 Annemarie Srb-Rössler:

Ich denke, dass man früher behinderte Menschen ermordet, über
 unser Lebensrecht diskutiert hat. Als ich geboren wurde, war ich sehr oft mit meinen Eltern bei meinen Großeltern im Burgenland, das war ein ganz kleines, kroatisches Dorf. Damals hat man sich noch sehr für behinderte Menschen geschämt. Meine Eltern haben das damals Gott sei Dank nicht getan. Sie haben mich überall hin mitgenommen und haben so dadurch auch die anderen im Dorf ermutigt, dass sie ihre behinderten Kinder auch nicht mehr
 verstecken, sondern es war so üblich, dass man sich vor das Haus gesetzt hat, auf Sesseln und siehe da, wenn ich da war, durften dann auch die anderen behinderten Kinder vor das Haus sich auf den Sessel setzen und ich denk, das war ein kleiner Schritt, so zur Bewusstseinsveränderung. Ich denke heute ist es Behinderten durch die Unterstützung, die gewährt wird, durch persönliche Assistenz z.B. am Arbeitsplatz ist es für behinderte Menschen, die auch schwer behindert sind mehr und mehr möglich, am Berufsleben teilzunehmen aber auch in Form von persönlicher Assistenz am Leben teilzunehmen. Also es hat sich schon sehr, sehr viel geändert, obwohl es noch immer viele Wünsche und
 Forderungen gibt.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Bleiben wir noch etwas in der Vergangenheit. Früher hat man
 doch auch Behinderung sehr oft mit Betteln, mit unwertem Leben in einen Zusammenhang gesetzt. Da war ja auch das dritte Reich, wo behinderte Menschen mehr oder weniger als unwert oder als zu vernichten preis gegeben worden sind. Kann da jemand etwas dazu sagen, Herr Doktor Schuster vielleicht?
 
 Dr. Günther Schuster:

Ich denke, dass das natürlich das dritte Reich neben den furchtbaren
 Verbrechen, die sich in diesem Zusammenhang abgespielt haben natürlich auch auf die jetzige Situation noch hinwirken. Dass es ganz einfach bestimmte Gruppen von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft nicht gibt. Ich denke da etwa an alte Menschen mit Lernbehinderungen, die in unserer Gesellschaft - im Gegensatz zu anderen, westlichen Demokratien -derzeit nicht präsent sind. Insofern es auch uns in der Gegenwart gar nicht möglich ist, diese Erfahrungen zu machen und insofern wirken diese Verbrechen der Vergangenheit

 noch durch auf die gegenwärtige Situation.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Früher haben ja die behinderten Menschen ihr Brot mehr oder
 weniger nur durch Betteln verdient, kann man eigentlich sagen, seit wann ein leichtes Umdenken in der Gesellschaft das mehr oder weniger abgelegt hat, dieses Betteltum, denn wenn man sich manchmal so durch die Straßen begibt und einen Blinden sieht, glaubt man ja unbedingt, der muss Betteln und der kann gar nicht arbeiten oder so. Gibt es da Aufzeichnungen, die sagen, seit einer gewissen Zeit ist es jetzt besser geworden oder wie kann man da irgendwas dazu sagen?
 
 Dr. Günther Schuster:

 Ich glaube schon, dass diese Entwicklung sehr unmittelbar mit der
 Entwicklung unserer Republik in Verbindung steht und ich würde meinen, dass gerade das Kriegsopferversorgungsgesetz ein ganz wesentlicher Eckpfeiler dieser Entwicklung war, weil es eben einen Versorgungsanspruch und - wenn man so will - auch eine Grundsicherung für Menschen, die aufgrund der Kriegsereignisse krank oder behindert waren, vorgesehen hat. Und dann denke ich, war ein sehr wichtiger Schritt etwa Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als das Sozialwesen, das so genannte Armenwesen, aus der Zuständigkeit des Innenministeriums damals in die Zuständigkeit des
 Sozialministeriums gekommen ist. Und das zeigt den Wechsel des Standpunktes. Denn die Zuständigkeit des Innenministeriums hat auch bedeutet, dass die Gesellschaft bis zu diesem Zeitpunkt durch die Kompete
nzverteilung Armut noch immer als Sicherheitsrisiko gesehen hat und nicht als soziale Frage. Und ich denke ab diesem Zeitpunkt ist in dem System, für das ich sprechen kann, also im System der öffentlichen Verwaltung, das Bewusstsein, dass wir es hier mit einer sozialen Frage zu tun haben, ständig gewachsen und hat sich weiterentwickelt.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

In der Bevölkerung ist das aber nicht unbedingt noch so gewachsen, Frau SRB-Rössler, oder?
 
 Annemarie Srb-Rössler:

Ich denke nicht. Ich habe vor ca. 14 Tagen eine Zigarette auf der Strasse geraucht. Und eine Frau hat zu einer anderen gesagt: siehst du, die raucht um mein Geld.
 . Weil behinderte Menschen kosten uns so viel Geld. Ich hab - es war in der früh und ich war noch ziemlich müde und ich wollte nichts darauf sagen, aber ich denke, dass der Gedanke noch immer in den Menschen ist, dass behinderte Menschen sehr, sehr viel Geld kosten, den Staat und auch der einzelnen Person und dass nicht daran gedacht wird, wie viele Jobs es eigentlich gibt, weil es uns behinderte Menschen gibt. Man müsste das einmal so von hinten aufzäumen, dass sehr viele Menschen Arbeit haben, weil es uns behinderte Menschen gibt. Wenn man an die ganzen - nicht nur an persönliche Assistenz gibt, sondern ich denke, unsere ganzen Hilfsmittel, wie viel Geld die kosten, wie viel Leute daran verdienen, weil wenn ich denk, dass ein normaler elektrischer Trittroller, das hat mir so
 meine Tante vorige Woche gesagt, der kostet so 200 Euro und mein Rollstuhl, in dem ich drinnen sitz, der kostet 7000 Euro und hat 4 Räder statt 2 und auch eine Elektronik. Ich denke, da merkt man schon, wie viele Jobs es eigentlich gibt, weil es uns gibt. Und auch das müsste man vielleicht einmal diskutieren. Mit dieser Frau habe ich nicht diskutiert, aber ich denke, der Gedanke ist immer ich in den Köpfen der Menschen.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Die Vergangenheit haben wir sozusagen ad acta gelegt, wir
 kommen gleich in die Gegenwart, um diesen Sprung aber etwas besser zu bewältigen, machen wir ein paar Takte Musik.
 MUSIK


 Moderator
Walter Lindner:
 Sie hören Freak Radio 1476 KHz, bzw. unter <http://1476.orf.at/live-stream. Wird diskutieren heute über Behindertsein gestern, heute und morgen und zu diesem Diskussionsverlauf, den wir bis jetzt hatten, möchte Thomas Weissenbacher auch einige Statements geben, bitte sehr!

 
 Thomas Weissenbacher:            
 Herr Dr. Schuster, es ist folgendes: Es ist richtig, es hat sich in der letzten Zeit einiges Getan, jedoch sollte man sich jetzt nicht die Lorbeeren aufsetzen und meinen, es wäre schon genug. Menschen mit Lernschwierigkeiten stoßen da immer permanent auf Schwierigkeiten, nämlich dahin gehend, dass nicht
 gesehen wird, dass wir Toleranz einfach nicht brauchen, wir brauchen einfach das Selbstverständnis, gewachsen in den Köpfen, wir brauchen nicht diese ‑na ja, das ist ja ein armer da, der hat die Hilfsschule nicht einmal dapackt, er is a Mensch mit Down Syndrom, wo soll´ma mit dem hin? Ich sehe das in verschiedenen Vereinen, die wissen, mit uns einfach nichts anzufangen. So einer wie ich, der so eine verwaschene Aussprache hat, es reicht schon, dass man beginnt, ihn irgendwo abzudoderln, obwohl er vielleicht einen größeren Horizont hätte, der über den Tellerrand hinaus führt. Herr Dr. Schuster, es ist so: Man meidet…, man schaut schon sehr noch, dass man Menschen mit Lernschwierigkeiten aus der
 arbeitenden Gesellschaft hinausdrängt, weil man nicht weiß, was man mit ihnen anfangen soll, andererseits speist man sie doch sehr mit Almosen. Ich stehe in einer wirklich schlimmen Situation: Ich bin auf der einen Seite vom Arbeitsamt abhängig, auf der anderen Seite vom Sozialamt. Ich hänge mitten in
 einem Konglomerat von, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll: Armut ist sehr schwer definierbar. Wann bin ich arm? Wenn ich mir vielleicht noch ein Brot leisten kann, wenn ich mir noch ein Radio leisten kann, wann bin ich arm, Dr. Schuster? Wann hab ich auch ein Recht auf Kulturleben, ja, Kulturleben ist mir, trotz Lernschwierigkeiten eben auch sehr wichtig. Ich wünsch mir keine Toleranz. Was ich mir wünsche,
 
 Moderator
Walter Lindner:
 Herr Dr. Schuster, sie sind direkt angesprochen, ich denke, Sie wollen da das Eine oder Andere sagen.
 
 Dr. Günther Schuster:
 Gerne. Auf der einen Seite würde ich gerne sagen, dass ich natürlich auch der meinung bin, dass die gesellschaftliche Entwicklung noch lange nicht fertig ist, gerade in diesem Feld, und ich würde das für alle Gruppen von Menschen mit Behinderungen sehen, dass noch sehr sehr viel zu tun ist. Wo sie sicher Recht
 haben, Herr Weissenbacher, ist, und das merke ich auch bei uns in der Geschichte der eigenen Organisation, dass die Angebote für die verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich sind. Wir haben eben, wie ich schon vorher gesagt habe, eine lange Tradition in der kriegsopferversorgung und haben hier vorwiegend mit körperbehinderten Menschen und mit Menschen mit Sinnesbehinderungen zu tun gehabt und es ist uns sicher als öffentliche Verwaltung über lange Jahre sehr einfach gefallen, Bedürfnisse dieser Personenkreise zu verstehen und gerade für Menschen mit Lernbehinderungen, aber auch Menschen mit psychischen Erkrankungen, da haben auch wir einen sehr hohen Lernbedarf gehabt, ich denke, wir haben
 da einiges an Entwicklung geschafft in den letzten Jahren, aber Sie haben völlig Recht, das hier im Vergleich zwischen den personengruppen es einerseits unterschiedliche Bedürfnisse gibt und auch sehr unterschiedliche Entwicklungen. Und ich glaube auch, wo Sie völlig Recht haben, wo sich zunehmend auch im öffentlichen Bereich ein Bewusstsein dafür ergibt, ist ,dass man Armut nicht allein finanziell sehen kann, dass es nicht allein die Frage des Einkommens ist, sondern dass Armut umfassender zu definieren ist, im Sinne einer ganzheitlichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das umfasst alle anderen
 Lebensbereiche von Kultur über Sport und Freizeitgestaltung und ich denke, dass hier gerade in der  letzten Zeit doch eine Weiterentwicklung im Denken stattgefunden hat.
 
 Moderator
Walter Lindner:
 Herr Doktor, Sie haben das Thema Armut angesprochen, so wie die Frau Srb-Rössler. Es ist natürlich die Frage, wie kann man gegen die landläufige Meinung, wie die Frau Srb-Rössler erzählt hat, dagegenwirken, so ungefähr: Ihr raucht die Zigarette um mein Geld. Also, wie kann man versuchen, der Bevölkerung mitzuteilen, dass sher viele behinderte menschen erstens einmal einer Arbeit nachgehen und zweitens die Unterstützung, die sie bekommen, nicht sozusagen als hinausgeworfenes Geld ist, sondern weil sie das wirklich brauchen, was kann man da dagegen tun eventuell?
 
 Dr. Günther Schuster:
 Also, ich denke, dass das Erkennen von Bedürfnissen, das Erkennen von Situationen noch immer davon abhängig ist, wie weit man Begegnungen im Alltag hat und aus meiner eigenen Lebensgeschichte weiß ich, dass ich bis zu meinem beruflichen Eintritt in das damaligen Landesinvalidenamt eigentlich keine Kontakte
 zu behinderten Menschen hatte. Ich bin in einer Schule in Niederösterreich in eine Volksschule und dann in ein Gymnasium gegangen. Ich hatte keinen Mitschüler mit Behinderung, das heißt, mir waren die Lebenssituationen fremd und meine Erfahrung ist, dass all jene Menschen, die entweder durch berufliche Situation oder durch privates Erleben tatsächlich Lebenssituationen von Menschen mit Behinderungen kennen lernen, sehr rasch, in dem Sinne umdenken, sehr rasch oft sehr ungute und stereotype Vorurteile ablegen können. Und ich denke, es gilt diese Normalität im Alltag herbeizuführen. Wenn ich da an die schulische Integration denke, dann glaube ich, dass es auch hier eine gewisse Entwicklung gibt, die
 vielleicht nicht jetzt wirkt, aber die vielleicht in Zukunft helfen kann.
 
 Moderator
Walter Lindner:
 Sind Sie auch dieser Meinung, Frau Srb-Rössler?
 
 Annemarie Srb-Rössler:
 Das denke ich doch auch. Normalerweise, wenn mich jemand anspricht und mir so etwas sagt, dann diskutiere ich auch darüber und sage, dass das einfach anders ist, aber in der Situation gerade: Ich hatte sehr viele Termine an dem Tag, auch berufliche Termine, auf die ich mich schon geistig vorbereitet hatte und ich wollte einfach jetzt zu dieser Zeit mit dieser Frau nicht diskutieren, aber normalerweise denke ich doch auch, wenn man über unsere Lebenssituation spricht, wenn man sagt, dass jemand, der zum Beispiel auch keine Arbeit hat, nicht selbst Schuld ist, dass er keine Arbeit hat, sondern einfach, ich weiß es aus meiner eigenen Laufbahn, dass es nicht nicht können ist, sondern auch, dass es die Toleranz der anderen ist, dass man sein Können überhaupt erst beweisen darf und dass man es zeigen darf, dass man wo genommen wird, wenn man die Aufnahmsprüfung schafft und dann, man sieht, man ist behindert, und wenn man dann genommen wird, seine Fähigkeiten zeigen darf oder dann, das ist nicht nur Können. Viele glauben, wenn man sich bemüht, dann findet man eine Arbeit. Ich kenne sehr sehr viele Leute, die sich bemühen, behinderte Menschen, und trotzdem keine Arbeit findet, trotz behindert, trotz persönliche Assistenz am Arbeitsplatz oder so, sie finden einfach keine Arbeit, weil es einfach zu wenig gibt, auch für diskutieren einiges verändern kann.
 Weil vieles passiert wider besseres Wissen.
 
 Moderator Walter Linder:
 Bevor wir nun zum Arbeitsplatz kommen, habe ich ein Zeichen von meiner Redakteurin, Frau Katharina Zabransky bekommen, es ist eine E-Mail eingetroffen und ich darf sie nun bitten, diese E-Mail vorzulesen. Bitte Frau Zabransky.
 
 Katharina Zabransky:
 Sehr geehrte Redaktion.
 Ich glaube, dass das Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gegenwart ein sehr ambivalentes ist. Meines Erachtens gibt es einen zweifachen Paradigmenwechsel. Durch die Selbstbestimmt Leben Bewegung ist Behindertsein sichtbarer und dadurch auch selbstverständlicher in der Gesellschaft geworden. Das bedeutet, dass es in vielen Bereichen durchaus Verbesserungen für die Lebenssituation von behinderten Menschen gibt. Diesen Paradigmenwechsel verdanken behinderte Menschen ausschließlich sich selbst, ihrer Stärke und Eigeninitiative, nicht der Gesellschaft. Den zweiten Paradigmenwechsel haben behinderte Menschen sehr wohl der Gesellschaft zu verdanken, das ist der vom armen, unmündigen Wesen hin zum unwerten Leben. Durch die Möglichkeiten der Medizin hat die Denkweise des unwerten Lebens, natürlich unter anderem nicht behinderte Menschen, die finden auch keine Arbeit, darum sind behinderte Menschen noch viel öfter von Arbeitslosigkeit bedroht, aber ich denke, dass man mit sehr viel Namen und unter angeblich positiven Vorzeichen wieder in die Gesellschaft Einzug gehalten. Im Gegensatz zu anderen Minderheiten haben wir keine Lobby, jedenfalls nicht in Österreich. Ich habe noch nie gehört, dass sich zum Beispiel österreichische Intellektuelle, außer sie sind selbst betroffen, gegen die Diskriminierung von behinderten Menschen ausgesprochen haben, wie sie es in anderen Fällen Gott sei Dank tun. Ich halte die Diskriminierung von behinderten Menschen für den größten Alltagsfaschismus, den es hierzulande gibt und
 zwar deshalb, weil er von allen Bevölkerungsschichten akzeptiert wird, ja nicht einmal als solcher wahrgenommen wird. Deshalb glaube ich auch, dass sich in Zukunft nur das ändern wird, was Betroffene ändern. Positiv auswirken auf eine größere Akzeptanz von Behinderung in der Gesellschaft kann sich eventuell die demographische Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten.
 Mit freundlichen Grüßen
 Mag. Marlene Fuhrmann-Ehn


 
Walter Lindner (Moderator):.
 Bevor wir nun zu diesem Mail Stellung beziehen, möchte ich einen der Gäste bitten, uns den Begriff „ Paradigmen“ etwas näher zu bringen. Wer möchte das bitte tun?
 
 Annemarie Srb-Rössler:
 Es ist schwierig, aber ich meine das ist eine andere Sichtweise
 
 
Walter Lindner (Moderator):.
 Dankeschön. Möchte jemand zu dieser Stellungnahme etwas äußern? Ich möchte bitten dies nun zu tun.
 
 Dr.Günther Schuster:
 Es ist folgendes: Es ist schon richtig, dass es diesen Alltagsfaschismus gibt, den erleben wir Menschen mit Lernschwierigkeiten immer wieder und zwar tagtäglich in allen Vereinen. auch ich bin manchmal delegiert zum ÖAR und wenn ich hineinkomme werde ich wie etwas Exotisches behandelt. Es ist merkwürdig, manchmal muss ich schmunzeln darüber. Es hat einen kabarettistischen Touch, wenn der zuerst an mich herankommen möchte, und ich meine Gruppe erwähne, dann einen Schritt zurück weist als ob ich ein Marsmensch wäre oder sonst etwas. Das hat schon etwas Lustiges.  Ich möchte zur Frau Rössler noch etwas sagen. Sie sind ein Mensch als Rollstuhlfahrer. Ich bin da noch eine Stufe zurück, im geistigen Bereich. Aber trotzdem sehe ich schon über den Tellerrand hinaus. Zur Akzeptanz möchte ich noch über die Wirtschaft. Es ist richtig. Wir sind, vor allem Sie sind auch ein wirklich lebendiger Wirtschaftsfaktor. Wir sind ein lebendiger Wirschaftsfaktor. Gäbe es uns nicht gäbe es vermutlich keine Betreuer.Gäbe es keine blinden Mitmenschen, gäbe es andere Sachen nicht. Gäbe es ihn nicht gäbe es keine Rollstuhlerzeuger.Also man sollte bloß nicht so kurzsichtig sein und meinen, dies Auszubildenden retten die Welt alleine, nein , nein, so ist es ja gar nicht.- Also wir haben das Recht dazu zu sagen, wir sind ein lebendiger Wirtschaftsfaktor.Man sollte nicht so kurzsichtig sein. Langfristig ist es so, dass wir eine sehr große Marktlücke füllen.

 
Walter Lindner (Moderator):.
 Wenn man die Gegenwart so betrachtet gibt es Gott sei Dank auch einige behinderte Menschen, die einen geregelten Arbeitsaufwand mit sich durchmachen lassen können und um diese Arbeit dementsprechend tätigen zu können, brauchen sie auch dementsprechende Assistenz oder Hilfen. Herr Dr. Schuster, welche Möglichkeiten gibt es da für diese Menschen. Das hängt natürlich auch wahrscheinlich vom Grad der
 Behinderung ab.
 
 Dr.Günther Schuster:

Das ist abhängig vom Ausmaß der Behinderung. Generell denke ich, dass man zwei
 wesentliche Zweige unterscheiden kann in den Fördermöglichkeiten auf der einen Seite sind das Geldleistungen, die entweder dem Betroffenen Menschen mit Behinderung selbst im Sinne der Finanzierung einer technischen Arbeitshilfe oder einer Arbeitsplatzausstattung zu Gute kommt oder aber Leistungen an den Dienstgeber, wiederum Geldleistungen wie etwa Lohnkostenförderungen. Zunehmende Bedeutung haben aber Unterstützungsleistungen, die eher im Bereich der Dienstleistung
 liegen, ich denke hier an die Arbeitsassistenz, die wir mittlerweile in zwei Ausprägungen kennen. Einerseits in der fachlichen Arbeitsassistenz für verschiedenste Formen der Behinderung. Wo ich an gehörlose Menschen denke, wo der Arbeitsassistenz die Gebärdensprache beherrschen muss, für psychische Kranke wo das klinische Psychologen sind, die die Verbindung zwischen dem Betroffenen und der Wirtschaft herstellen sollen um im Einzelnen einen Arbeitsplatz finden zu können und ihn dann noch zu erhalten

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Walter Lindner (Moderator):
 Darf ich Sie kurz unterbrechen? Wie kommen die behinderten Menschen zur Arbeitsassistenz?
 
 Dr.Günther Schuster:
 Einerseits sind das Einrichtungen auf die vom Arbeitsmarktservice oder auch von uns verwiesen werden. Auf der anderen Seite für, Menschen mit psychischer Erkrankung gibt es hier auch Kontakte zu den Ambulanzen also zu den Einrichtungen des Gesundheitswesens, wo Menschen nach einer medizinischen
 Rehabilitation Möglichkeiten suchen wieder am Arbeitsmarkt anzudocken aber zum Beispiel auch bei der Organisation wo Herr Weissenbacher ist mit Jugend am Werk verbindet uns eine Zusammenarbeit auch
 Jugend am Werk bietet Arbeitsassistenz für verschiedene Gruppen und verschiedenen Personenkreis, vor allem Jugendliche also Schulabgänger an.
 
 
Walter Lindner (Moderator):.
 Auch die Selbsthilfeorganisationen bieten verschiedene Arbeitsassistenten an.
 
 Dr.Günther Schuster:
 Das ist richtig., Nur einen Satz noch. Von Frau Srb-Rössler ist schon angesprochen worden. Seit kurzer gibt es auch die persönliche Assistenz am Arbeitsplatz, wo also
 Zielgruppe jene Menschen sind, die sehr gut ausgebildet sind, sehr hohe fachliche Kompete
nz haben ,auf Grund des Ausmaßes der Funktionsbeeinträchtigung ganz einfach manipulative Unterstützungen bei der Bewältigung eines Arbeitsalltages haben und hier ist der Projektträger, der Beauftragte die Wiener Assistenzgenossenschaft, die wiederum von zwei Frauen geleitet wird die selbst betroffen sind also im Sinne einer Genossenschaft eine Selbsthilfe oder Selbstvertretungseinrichtung darstellen.
 
 
Walter Lindner (Moderator):.
 Herr Weissenbacher, Sie wollten dazu etwas sagen.
 
 Thomas Weissenbacher
 Herr Dr.Schuster es ist mir klar geworden, warum es persönliche Assistenz heißt. Was mir nicht klar ist, warum wir Menschen wie ich, ich bin psychisch krank ich bin Anfallskrank, ich höre sehr schlecht, keine persönliche Assistenz bekommen.
 Wenn ich zum Beispiel Vorträge in irgend einer Heilpädagogischen mache, dann habe ich erhebliche Schwierigkeiten. Hätte ich nicht dann und wann meine Unterstützerin zur Hand, die mir aber nur auf good will zur Verfügung gestellt wird.
 
 Dr.Günther Schuster:
 Ich kann Ihnen nur Recht geben. Auch hier denke ich, es ist im Bereich der begleitenden Hilfen sicher so, dass es Unterschiede im Angebot in den verschiedenen Gruppen gibt. Wir haben die Arbeitsassistenz für Menschen mit Lernbehinderungen bis jetzt nur als fachliche Arbeitsassistenz organisiert und nur für jene Menschen als Angebot, die tatsächlich am ersten Arbeitsmarkt oder in der freien Wirtschaft tätig sind.
 Hier wissen wir, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen dem bestehenden Angebot und der möglichen Nachfrage gibt,.
 
 Thomas Weissenbacher
 Da denke ich schon, da erwarte ich mir schon ein bisschen ein schwarz-weiss-Denken.
 
 
Walter Lindner (Moderator):.
 Herr Dr.Schuster gibt es einen Anspruch für behinderte Menschen auf Arbeitsassistenz?
 
 Dr.Günther Schuster:
 Es gibt keinen Rechtsanspruch im engeren Sinn. Das ist eine Leistung der Privatwirtschaftsverwaltung und es ist natürlich eine Frage des Ausmaßes der bestehenden Strukturen. Dem Grunde nach gibt es Arbeitsassistenzeinrichtungen in allen Bundesländern für verschiedenste Formen von Behinderungen aber ich bin der letzte der sagen würde, dass wir am Ende der Entwicklung sind oder dass hier alle bestehenden Notwendigkeiten bereits abgedeckt sind. Eine wesentliche Rahmenbedingung ist natürlich die allgemeine Situation am Arbeitsmarkt. Auch das wurde bereits angesprochen, die derzeit nicht so einfach ist, weil die Konkurrenzsituation für Menschen mit Behinderungen auf Grund der
 allgemeinen Arbeitslosigkeit natürlich nicht einfach ist.
 
 
Walter Lindner (Moderator):
 Bevor wir uns nun von der Gegenwart in die Zukunft begeben, wieder ein paar Takte Musik.

MUSIK

Diskussion gehört gelesen - Radio mit Untertiteln wird gemeinsam von Freak Radio, dem ORF Radio 1476 und der Selbstbestimmt Leben Initiative Wien im Rahmen des Equal-Projektes QSI - Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit - gestaltet. Als barrierefreies Medium zu hören unter <http://1476.orf.at> und zu lesen unter www.qsi.at/diskussion <http://www.qsi.at/diskussion>. Zur Wiederholung <http://1476.orf.at> und unter www.qsi.at/diskussion <http://www.qsi.at/diskussion>.

 


 
Walter Lindner (Moderator):
 Während der Diskussion kam noch eine weitere E Mail hereingeflattert, die uns nun wieder von Frau Katharina Zabransky zu Gehör gebracht wird.

 
 Katharina Zabransky:

Also es gibt hier ein Mail, wo der Schreiber auf den einen Satz vom Erwin Riess Stellung bezieht. Erwin Riess bezeichnet behinderte Menschen als eine
 Bevölkerungsgruppe, die sich selbst schon lange nicht mehr als andersartig empfindet. Nur - Handeln sie auch immer so? Ich bin der Ansicht, dass Behinderung anders gedacht werden muss als bisher und zwar situationsspezifischer. Es sollte z.B. Ermäßigungen rein aufgrund eines Behindertenausweises nicht mehr automatisch geben, sondern nur mehr aufgrund der sozialen Lage (positiv gesehen als Loswerden des Almosen Status). Und oder bei einschränkenden Bedingungen. Gleiches gilt analog auch bei PensionistInnen, also diejenigen, die nicht sozial bedürftig sind und eine Einrichtung benützen können, genauso wie Otto und Anna Normalverbraucher sollten von sich sagen: Ich bezahle den vollen
 Preis, obwohl ich aufgrund eines Pensionisten-, Behinderten-, Studenten- und so weiter Ausweises die Berechtigung auf eine Ermässigung  hätte. Nur tun sie das auch? Nahezu keiner tut es. Kann aber so der Behindertenallmosen-Status aufgelöst werden? Nein. Es bedarf also eines situationsspezifischen Umdenkens, von Menschen mit einer und mit keiner Behinderung.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Diese Äußerung bekamen wir per Mail, wurde glaube ich nicht
 unterschrieben. Möchte jemand dazu etwas sagen?
 
 Thomas Weissenbacher:

Ich möchte dazu sagen, dass vieles im Kopf statt findet. Wenn es mir
 heute gut geht, fühle ich mich auch nicht behindert. Geht es mir schlecht, weiß ich, dass ich jede Menge Unterstützung brauche. Barriere findet sehr viel auch im Kopf statt. Wir müssen einmal lernen, Barrieren auch in Köpfen weg zu kriegen. Ich begegne sehr vielen Barrieren.
 Für unsere Gruppe, wir haben viele Menschen, die besachwaltet sind, denen begegnet man speziell im Begutachtungsverfahren, im Besachwaltungsverfahren, mit extrem viel
 Barrieren. Sie finden wirklich im Kopf statt. Ist einmal jemand besachwaltet worden und er
 wurde davon losgelöst, er hat wieder einmal ein Problem, ist er stigmatisiert. Das heißt er kann jederzeit wieder besachwaltet werden, also wenn ich mit dem Geld nicht umgehen kann und erst einmal hierdurch besachwaltet zu werden, wie viel Wirtschaftsbosse
 müssten dann auch besachwaltet werden?
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Frau Annemarie SRB-Rössler, schlägt dieses Statement nicht irgendwie in diese Kerbe, wie Sie gesagt haben: Ja, ihr rauchts ja ihre Zigarette um mein
 Geld?
 
 Annemarie Srb-Rössler:

Ein bisschen, aber für mich ist das eine sehr oberflächliche
 Einzelmeinung. Ich kann mich nicht wirklich mit dem Mail an sich kann ich nicht sehr viel anfangen.
 
 
Walter Lindner (Moderation): Inwiefern nicht?
 
 Annemarie Srb-Rössler:

Weil ich meine, dass.. Ja, ich bin auch der Meinung, dass es nicht
 für mich eine Ermäßigung geben soll, wenn ich in Schönbrunn in den Tierpark gehen soll, sondern ich möchte, dass ich gleichberechtigt überall hineinkann und nicht eine Ermäßigung
 für Straßenbahn oder U-Bahn oder sonst was bekommen soll, sondern ich möchte alle Einrichtungen gleichberechtigt benutzen können, da brauch ich auch nicht eine Ermäßigung dafür und die Menschen, die jetzt zu wenig Einkommen haben, -dann soll generell ob jetzt
 behindert oder nicht jemand eine Ermäßigung erhalten, aber nicht nur, weil er Pensionist oder Behindert ist, sondern weil er sozial bedürftig ist. Aber nicht, weil jemand behindert oder nicht behindert ist.
 
 
Walter Lindner (Moderation):

Herr Doktor Schuster, möchten Sie zu dieser Mail auch ein
 Statement abgeben?
 
 Dr. Günther Schuster:

Ja, also ich kann mich mit dem Inhalt auch nicht anschließen, weil ich mir
 denke, dass es derartige Pauschalleistungen für fast alle Bevölkerungsgruppen gibt. Und es insofern denke ich in dem Sinn keine Stigmatisierung ist, es gibt denke ich mir ungeachtet der
 sozialen Situation auch Familienermäßigungen, die auch ungeachtet der sozialen Situation Platz greifen und sozusagen als Verwaltungsbeamter stell ich mir das schon sehr schwer vor, wie sozusagen Bedarfsgerechtigkeit oder die Entscheidung im Einzelfall zu treffen ist, ob jemand derartige Ermäßigungen haben sollte oder nicht. Also ich würde diese
 Entscheidungen im Einzelfall dann nicht sehr gerne treffen wollen.
 

Walter Lindner

Sie hören Freak Radio auf Mittelwelle 1476 KHz. Sie können uns auch im Internet Live hören unter 1476.orf/live-stream.

Die Stellung und Bedeutung behinderter Menschen hat sich vor Allem in Europa in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren andauern und bedeutet höhere Anforderungen für Entscheidungsträger und für Fachkräfte. Wie wirken sich diese aus, könnte man zunächst ein al die Frage an den Herrn Dr. Schuster richten. 

Schuster: 

         Ja, also, in der eigenen Berufsgeschichte, in der Organisation, habe ich diese Veränderungen durchaus miterlebt. In den 20 Jahren, denke ich. – zu Beginn, in den ersten 10 Jahren waren wir eine Verwaltungsbehörde i klassischen Sinn. Wir haben Leistungen erbracht, für Menschen mit Behinderungen, die wr als Parteien betrachtet haben. Und ab Mitte der 90er Jahre, haben wir begonnen, Projekte zu finanzieren. Wir haben das zunächst getan mit gemeinnützigen Organisationen , und wir haben das vor allem mit nicht betroffenen getan. Das heißt, wir haben soziale Dienstleistungen für betroffene Menschen gefördert. Und seit einigen Jahren haben wir zunehmend Vertragsbeziehungen, Förderbeziehungen mit Einrichtungen von Betroffenen selbst

 

Walter Lindner:

Gibt es in ihrer Dienststelle auch betroffene Personen, die natürlich, aufgrund dessen, dass sie selbst betroffen sind, auch wissen welche Anforderungen für betroffene Menschen selbst gegeben sind?

 

 

Schuster:

Ja, wir haben eigentlich aus den verschiedensten Formenkreisen von Behinderung Mitarbeiter bei uns beschäftigt- Ich denk vielleicht an den Kollegen Etzenberger, ein blinder Mitarbeiter, der über sehr viele Jahre glaub ich eine sehr bekannte Person in der beruflichen Integration für Menschen mit Sehbehinderungen ist.

 

Lindner

Somit wird also nicht über die Köpfe der Betroffenen entschieden, sondern man weiß, was Betroffene wirklich benötigen.

 

Schuster:

Ich glaube, dass das wirklich eine zunehmende Entwicklung ist, dass wir Betroffenen- Organisationen auch in die Umsetzung und in die Planung von Projekten miteinbeziehen. Und ich glaube, dass diese Entwicklung weitergehen wird

 

Walter Lindner:

sehen sie das auch so, Frau Srb Rössler?

 

Srb-rössler:

Ich denke auch, dass immer mehr betroffene ihre Forderungen selbst formulieren, denn ich denke nur  so können wir unser Menschenbild auch selbst verändern. Man sieht auch, wenn man auf der Strasse geht, sieht man immer mehr behinderte Menschen. Und es wird doch auch selbstverständlicher, dass man nicht mehr mit unseren Assistenten oder mit der Begleitung spricht. Früher wurde ich mit meinem manuellen Rollstuhl geschoben, und so war man dazu angehalten, sich nicht mit mir auseinanderzusetzen, sondern mit meiner Begleitung. Heute kann ich mit meinem Elektrorollstuhl selbst fahren und man muss sich mit mir auseinandersetzen, man muss ich selbst anschauen. - Und, ich denke, es hat sich schon einiges verändert, aber ich möchte. Auch der ORF könnte einfach dazu beitragen, das Menschenbild von behinderten Menschen nachhaltig zu verändern. Indem ich mir denke, jetzt kommt die Weihnachtszeit- und er Trailer läuft jetzt schon immer vor dem Abendessen: „  Ist da jemand?“  und ich denke, auch hier mit der Sendung Licht ins Dunkel, wird immer noch ein falsches Menschenbild von behinderten Menschen vermittelt. Ich würde mir wünschen, dass der ORF endlich einmal  auch von Rechten und Forderungen spricht und nicht immer betteln geht für behinderte Menschen

 

Walter Lindner:

Herr Weissenbacher, sie wollten dazu auch etwas sagen?

 

Weissenbacher:

Ja, jetzt krieg ich schon fast ein schlechtes Gewissen, weil ich schon wieder bei den Menschen mit Lernschwierigkeiten bin, die ja doch die geringste  Lobby hat, ja.- Herr Schuster, wie schauts denn aus, bei Betroffenen mit Lernschwierigkeiten, - in ihr Ressort da jemand reinzubringen. Ich kann nicht erkennen , dass es da so eine angestellten gibt, zum Beispiel Menschen mit Down Syndrom, Menschen mit Tourette Syndrom. - Da geht mir ein bissl was ab, da wiederhol ich mich jetzt schon wieder. Vielleicht ein bissl ein schwarz-weiß Denken. Vielleicht kriegen wir das ein bi0ßl weg, dann ist die Sache etwas planiert, ein bißl glatter, ein bißl schöner, auch für´s Aug`.

Walter Lindner: Herr Dr. Schuster-.

Schuster:

 Ja ich denke, ich glaube schon, dass wir deutlich mehr Menschen mit Behinderungen in unserer Organisation  beschäftigen, aber ich kann  nicht verhehlen, das wir  sicher auch die Realität  des Arbeitsmarktes

widerspiegeln, wenn wir Benachteiligungen , die es strukturell insgesamt gibt am Arbeitsmarkt, insgesamt auch in unserer Organisation haben. Und ich kann Ihnen nur  Recht geben, - wenn ich in meiner Organisation  durchdenke, dann wird es ganz bestimmt der bereich von Menschen mit Lernbehinderungen sein, wo wir am allerwenigsten auch im eigenen Bereich  beschäftigt haben.

Thomas Weissenbacher:                                                                                              ++

Ich glaub, wir könnten auch heute dazu beitragen, das Bild ein bisschen zurecht zu rücken.Ich seh schon ein, dass Rollstuhlfahrer, die eher geistig normal sind, blinde Menschen, die ebenfalls geistig normal sind.., nur ich oder meine Kollegen, haben eine psychische oder geistige Krankheit. Hier würde ich mir schon wünschen, dass gesagt wird: Ihr kommt auch dran. Ihr gehört da auch hinein. Dann hat Gleichberechtigung wirklich das Wort verdient. Ja, also Gleichstellungsgesetz hätte, da bich ich auch schon wieder ein Bisschen vorsichtig, weil das ist schon ein Bisschen arg verwaschen,da  ist es  das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht, diese formulierungen alle.

Moderator Walter Lindner:

Frau Srb-Rössler, wie können die anforderungen positiv von Betroffenen und entscheidungsträgern beeinflusst werden?

Annemarie SRB-Rössler:

Die Anforderungen von...?

Moderator Walter Lindner:

Die Anforderungen, die natürlich an verschiedene Organisationen gestellt werden, denn die müssen zunächst einmal wissen: Was braucht ein behinderter Mensch?

Annemarie SRB-Rössler:

Indem mehr behinderte Menschen in Entscheidungsträgern tätig sind, indem sie mehr ihre eigenen Wünsche formulieren und  indem nicht weiter das falsche Bild vermittelt wird.

Moderator Walter Lindner:

Glauben sie, dass dem behinderten Menschen zu wenig zugehört wird, dass ihre Bedürfnisse alibihalber irgendwie abgetan werden, dass man sagt: Was wollt ihr eigentlich, wir machen sowieso das und das für euch.

Annemarie SRB-Rössler:

Ich denke, dass zum Beispiel, der Herr Weissenbacher hat es schon angedeutet, es ist ja derzeit ein sogenanntes Gleichstellungsgesetz in Begutachtung und da sind viele Forderungen, die behinderte Menschen gestellt haben, nicht enthalten. Es ist wirklich ein Alibigesetz und wir alle wollen nicht, ich denke, die fortschrittlichen behinderten menschen wollen nicht, dass dieses Gesetz so durchgesetzt wird.

Moderator Walter Lindner:

Herr Dr. Schuster, wie glauben Sie, dass behinderte Menschen sich positiv einbringen können und in den Behörden dementsprechend ihre Wünsche deponieren könne?

Dr. Günther Schuster:

Also ich habe gerade in den letzten Jahren erlebt, wie viel Ängste es eigentlich in Organisationen auch gibt, wenn es zu Integrationsthemen von Menschen mit Behinderungen kommt.

Moderator Walter Lindner:

Wieso gibt es diese Ängste?

Dr. Günther Schuster: 

Zum teil denke ich,dass es natürlich Unwissenheit gibt, dass es niemandem leicht fällt, in großen Organisationen Unwissenheit zuzugeben und dass es natürlich auch gar nicht so leicht für diese Organisationen oft ist zu diesem Wissen zu kommen. Und ich denke, das ist auch mit eine Aufgabe für uns als bundessozialamt, hier so eine Art Maklerfunktion einzunehmen um Organisationen, die nicht unmitelbar im Sozialbereich tätig zu sein, ich denke jetzt an diesen großen Bereich der Mobilität oder uach an den Bereich der Bildung, des Bildungswesens, dass wir hier versuchen sozusagen die Kommunikation zwischen Betroffenen und diesen Organisationen zu unterstützen, indem wir Gesprächskontakte herstellen, indem wir unser Wissen über die Betroffenen- Strukturen ganz einfahc zur Verfügung stellen und hier mit dazu beitraen, dass es zu diesen Dialogen kommt und zu dieser Wissensvermittlung von den Betroffen mit dem Wissen über ihre Lebenssituation selbst.

Moderator Walter Lindner:

Herr Weissenbacher, sie wollten dazu noch etwas sagen?

Thomas Weissenbacher:

Ich würde mich nahtlos dem Dr. Schuster anschließen, wär da nicht das Wenn Aber. Ich habe ihnen erzählt, was soll ich mit Lernschwierigkeiten machen, wenn sie zum Beispiel auf ein Amt gehen mit dem einen oder anderen Zettel, so überhaupt nichts handhaben könne. Hier, genau hier ist Bildung gefragt. Ist in leichterer Form wie bei – ich muss jetzt Schleichwerbung betreiben – BIV integrativ macht das sehr gut, die führen diese Leute wirklich, ich habe die Erfahrung gemacht, individuell darauf hin, wie man es auch besser machen kann, wie man zum Beispiel auf ein amt geht, ohne das Grobpflasterl zu kriegen ja und genau das ist es, wenn ein Mensch nicht fähig ist sich zu aritkulieren, fallt er überall durch den Rost, das ist aber die Geschichte.

Moderator Walter Lindner:

Bevor wir nun in die Schlussrunde kommen noch eine Frage an die Redaktion: Gibt es noch eine mail und wen ja, dann würde ich bitten, diese zu verlesen.

 Walter Lindner (Moderator): Würde ich bitten, diese zu verlesen.

Katharina Zabransky: Es gibt noch ein ganz kurzes Mail und zwar vom Gerhard Wagner, der schreibt: Gleichstellung, wie ist der derzeitige Stand der Gleichstellung? Insbesondere auch für Menschen mit Hörbehinderung, psychischer Behinderung und Lern-Behinderung.

Walter Lindner (Moderator): Gibt es dazu ein Statement, Herr Doktor Schuster, könnten Sie vielleicht dazu etwas sagen?

Dr.Günther Schuster: Ich denke vielleicht auch im Anschluss an das Statement von Herrn Weissenbacher, vielleicht auch nur wie schwierig es manchmal ist, die Differenzierungen zu treffen. Natürlich sind einfache Informationen sehr wichtig für Menschen mit Lernbehinderungen. Es ist für ein Amt wie für uns aber dann manchmal auch schwierig, etwa jene Menschen nicht zu diskriminieren, die oft sehr hohe intelektuelle Fähigkeiten haben und wo wir wenn wir auf der einen Seite Informationen reduzieren uns sehr leicht sozusagen in eine Situation begeben könnten, wo uns eine andere Gruppe vorwirft, dass wir Informationen vorenthalten. Und deswegen denke ich, müssen wir alle – und ob das jetzt unsere Organisation ist oder die Gesellschaft insgesamt – aber auch die Betroffenen selbst lernen, die verschiedenen Situationen zu differenzieren und mit diesen Begriffen wie Gleichstellung, Anti-Diskriminierung auch möglichst differenziert und qualitativ gut umgehen.

Walter Lindner (Moderator):

Weihnachten, das Fest der Wünsche naht und so können wir unsere Gäste natürlich auch fragen: Welche Wünsche haben sie zu dem Thema? Ich bitte sie, sich kurz zu fassen, denn wir haben nur noch knapp 2 ½ Minuten. Frau SRB-Rössler, vielleicht beginnen sie mit dem Schlussstatement?

Annemarie Srb-Rössler: Dass wir Forderungen formulieren und nicht bitten, dass wir Rechte statt Almosen fordern und dass wir unsere eigene Sprache benützen und uns nicht von den anderen die Sprache vorgeben lassen. Dass wir einfach sagen, was Sache ist. Sagen, was wir leben und somit unsere Lebenssituation mehr nach außen tragen und somit vielleicht ein anderes Menschenbild, den Paradigmawechsel beginnen können. Dass wir, wenn mich das nächste mal jemand fragt, warum ich diese Zigarette rauch, nicht einfach weghören, sondern drüber sprechen.

Walter Lindner (Moderator): Herr Weissenbacher, ihre Wünsche – bitte auch kurzfassen?

Thomas Weissenbacher: Die Barrieren aus dem Kopf kriegen. Die eigenen Barrieren gegenüber behinderten Menschen, dann dass man diese Intoleranz, dieses Geschwür wegkriegen. Dass Menschlichkeit einfach gewachsen ist. Im Kopf gewachsen ist als selbstverständliches Etwas.

Walter Lindner (Moderator): Das Schlusswort hat Herr Doktor Schuster.

Dr.Günther Schuster: Ja, dass wir den Dialog im Sinn von von einander lernen fortsetzen, intensivieren, dass zunehmend das Thema Behinderung im Alltag zu normalen Lebenssituationen wird und aus diesem Nimbus oder aus diesem Besonders-Sein herauskommt und dass es Begegnungen zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen auf dieser Alltagsebene in allen Lebensbereichen gibt.

Walter Lindner (Moderator): Damit sind wir am Ende von Freak Radio angelangt, eine Stunde Diskussion neigt sich dem Ende zu. Ich danke recht herzlich meinen Gästen hier im Studio. Ich danke der Technik für die Unterstützung, den Transkriptoren für das Übertragen ins Internet und weise Sie noch darauf hin, dass wir Sonntag und Dienstag zwischen 20:30 und 21:00 wieder auf Mittelwelle 1476 KHZ zu hören sind.

Für Redaktion und Technik verabschiedet sich Walter Lindner, auf Wiederhören.


Auf Wiederhören!
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Sie hörten eine Sendung der Diskussion gehört gelesen. Diskussion gehört gelesen ist
eine Kooperation von Freak Radio, dem ORF und Entwicklungspartnerschaft QSI.
QSI wird gefördert aus dem Mittel des ESF und des BMWA.

Danke für die Mitwirkung und die Teilnahme per Mail an alle im Internet und im Chat
Die Redaktion Diskussion Gehört Gelesen


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Herzlichen Dank für Ihr Interesse
Im Namen der Redaktion Diskussion Gehört Gelesen

Auch herzlichen Dank unseren technischen Assistenten

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Das Team

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Studio Technik:             Udo Somma

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Moderation:                  Walter Lindner

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Sendeverantwortung:     Katharina Zabransky

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Edv-Technik:                 Michael Pfortner

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Transkription:                Brigitte Achleitner

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                                    Margit Schlesak

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                                    Erich Schmid

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                                    Maximilian Lasser

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Assistenz:                     Sokol Gashi

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Stand: 16. Dezember 2004.