12. Oktober
04:
"Wie
kann aus dem Slogan 'Nichts über uns ohne uns' ein Instrument werden?"
„Was ist
Betroffenenmainstreaming?“
Gäste :
Maria Brandl, Bernadette Feuerstein, Heinz Trompisch, Wolfgang Mizelli
Moderation:
Gerhard Wagner
Das Team:
Am
Ende der DGG
Sie können während der nächsten Stunde live an unserer Diskussion
teilnehmen, indem Sie uns eine E-Mail schicken unter info@qsi.at <mailto:info@qsi.at>
Gerhard Wagner (Moderator):
Einen schönen guten Abend bei Freak Radio Diskussion gehört gelesen sagt heute
Gerhard Wagner. Wir sprechen diesmal über Betroffenen-Mainstreaming, was das
ist, das erfahren Sie gleich. Doch zuerst
haben wir noch eine kurze Signation für Sie vorbereitet, was Diskussion gehört
gelesen ist.
Diskussion gehört gelesen ist als barrierefreies Medium zu hören
unter <http://>1476.orf.at
Diskussion gehört gelesen - Radio mit Untertiteln wird gemeinsam
von Freak-Radio und dem ORF Radio 1476 sowie der
Selbstbestimmt Leben Initiative Wien im Rahmen des Equal-Projektes
Sie hören eine Diskussion aus der Reihe Diskussion gehört gelesen. Diskussion
gehört gelesen ist eine Zusammenarbeit von Freak Radio, dem ORF Radio 1476 und
der Equal Entwicklungspartnerschaft QSI
quality supported skills for integration- Qualitätskriterien im integrativen
Bereich, die sich der Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit verschrieben
hat. Die Selbstbestimmt Leben Initiative Wien gestaltet diese
Integrationsplattform zum Thema
Qualität in der Integration. Der barrierefreie Informationsaustausch steht dabei
im Vordergrund
Gerhard Wagner (Moderator):
Wir sprechen eben heute über Betroffenen-Mainstreaming. Und zu Gast sind vier
Leute, einer am Telefon zugeschaltet und ich möchte mit Ihnen beginnen Frau
Maria Brandl. Sie sind die Geschäftsführerin von Integration:Österreich und
welche Zugang haben Sie zur Betroffenen-Mainstreaming und was ist das überhaupt?
Und warum kommt's dazu?
Maria Brandl:
Ich möchte ein bißl ausführen zum Betroffenen-Mainstreaming. Warum ist das
entstanden? Es ist im Rahmen der EQUAL-Partnerschaft entstanden. Da ist es
darum gegangen, war unsere Idee, nachdem mein Herkunftsbereich aus der
Elterninteressensbewegung ist, das war die Idee dahinter, Betroffene soll in
einem Projekt bei allen Dingen mitarbeiten, bei der Projektentwicklung, bei der
Projektkonzipierung und auch bei der Projektdurchführung. Da war es so, dass
Selbstbestimmt Leben Wien als gleichwertiger
Partner miteingebunden war und ist und Integration Österreich als
Interessensvertretung, als Projektträger. Im Laufe dieses Projektes kamen wir
darauf, dass es nicht selbstverständlich ist, dass betroffene Frauen und Männer
automatisch auch die Interessen von Eltern, von Müttern und Vätern behinderter
Kinder und
Jugendlicher mitvertreten, weil unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche
Sichtweisen, unterschiedliche Herkünfte bestehen. So ist Laufe dieses Projektes
immer mehr auch eine eigene Diskussion zwischen behinderten Frauen und Männer,
wie Müttern und Vätern entstanden und auch die Ideen standen gemeinsam, eine
Positionierung auszuarbeiten, gemeinsam die Interessen einzubringen, gemeinsame
Forderungen in diesem Projekt miteinfließen zu lassen, dass von allen anderen
Partnern auch gleichwertig diese Interessen gehört werden. Dies ist so der
Hintergrund. Vielleicht darf ich weitergeben.
Darf ich nur kurz den Hörern vorstellen. Sie hören jetzt Frau Bernadette
Feuerstein. Sie ist die Vorsitzende von SLI Wien.
Bernadette Feuerstein:
Also für uns als VertreterInnen der Selbstbestimmt Leben Initiative also
VertreterInnen von Menschen mit Behinderung war es von Anfang an klar, welche
Position wir in diesem EQUAL-Projekt haben werden.Nämlich die Sichtweise und die
Standpunkte der Menschen mit Behinderung zu vertreten und in allen Planungs- und
Entwicklungsphasen in dieses Projekt einzubringen. Und ich erzähl mal ein bißl,
wie es so im Rückblick ausgeschaut hat. Wir haben also so vor uns hingearbeitet
mit den anderen Expertinnen und
Experten, die also aus verschiedenen Bereichen kommen und dann ist eben im Laufe
der Zusammenarbeit so das Gfühl entstanden und auch von einer betroffenen
Mutter, also einer Mutter mit einem behinderten Kind, es sind ja eigentlich die
Eltern zu wenig vertreten. Und wo bitte bleiben jetzt bitte hier die Eltern? Es
war mich nicht so ein Problem. Ich hab mir gedacht, das ganze Projekt ist von
Integration Österreich als Koordinator hauptverantwortlich, da sind die Eltern
sowieso drinnen, aber es hat sich dann herausgestellt,
und das war uns auch bei Diskussion und bei der weiteren Zusammenarbeit schon
klar, dass wirklich jetzt die Position der Eltern als Betroffene zu wenig
Gewicht gehabt hat.
Gerhard Wagner (Moderator):
Vielleicht darf ich einmal so kurz nachfragen. Also meines Wissens ist es ja so
noch immer, dass bei sehr, sehr vielen Projekten, die gemacht werden, Experten,
die manchmal Ärzte sind, manchmal Erziehungswissenschafter, die überhaupt nichts
mit Betroffenheit zu tun haben, sozusagen über die Kopf
aller Betroffenen hinweg es besser wissen, sag ich jetzt einmal. Dann sind
aufgestanden die behinderten Menschen selbst und haben gesagt. ‑Moment, wir sind
Experten und Expertinnen in eigener Sache und
wir wollen da auch mitsprechen und mitreden. Und dann als dritten Schritt ist
man eigentlich auch draufgekommen, das reicht noch nicht, denn eigentlich sind
ja die Angehörigen, die Partner auch betroffen und können das aus ihrer und das
ist wieder eine andere Sicht erzählen. Und das war, glaub ich, wenn ich das
jetzt richtig verstanden hab so die Entstehung. Herr Wolfgang Mizelli, Sie sind
Vorsitzender von
SLIÖ, auch Betroffener, wie ist das aus Ihrer Sicht entstanden und was konkret
haben Sie da bewirken können ,- jetzt schon?
Wolfgang Mizelli:
Zunächst einmal zu einer Geschichte, wie es entstanden ist. Die
EQUAL-Partnerschaft hat sich selbst den Auftrag gegeben, Betroffene auf allen
Ebenen mitentscheiden zu lassen. So ist es entstanden. Für mich was klar, als
ich da eingestiegen bin, eine gute Sache ist erstmals der Versuch, eine
langjährige politische Forderung der Selbstbestimmt Leben Bewegung, nämlich
‑Nicht über uns ohne uns- in die Tat umzusetzen. Das war der erste Schritt. Der
zweite Schritt war Einbeziehung von Müttern und Vätern behinderter Söhne und
Töchter. Was auch ein spannender Prozess ist, den wir gehen müssen, weil es nur
zusammen geht und nicht getrennt, sag ich jetzt einmal. Die zweite Frage war...
Gerhard Wagner (Moderator):
Sie haben sich ja schon einige Konzepte überlegt, Gedanken gemacht, haben Sie
schon was umsetzen
können?
Wolfgang Mizelli:
Umsetzen insofern, dass wir jetzt einmal bei den Dingen jetzt in der
Entwicklungspartnerschaft, um die es
geht, also sprich vier Lehrgänge für Integrationsfachkräfte zu entwickeln,
konkret SchulbegleiterInnen, Freizeitassistenz, Familienentlastung,
ElternbildnerInnen und FamilienberaterInnen, das ja eigentlich sag ich
jetzt einmal so von unserem Kräftestand mitgearbeitet haben an der Entwicklung
der Curricula, dass sowohl Väter und Mütter bzw. als auch Behinderte/Betroffene
als ReferentInnen in den Lehrgängen waren. Dass wir einen eigenen Grundlehrgang
hatten zum Thema, was bedeutet Selbstbestimmung. Und
dass wir eigentlich versucht haben und auch getan haben, alle Konzepte, alle
Curricula drüberzulesen und
Anmerkungen zu machen, die dann auch weitgehend umgesetzt wurden.
Gerhard Wagner (Moderator):
Ich möchte vielleicht jetzt noch erwähnen, wir werden noch genauer sprechen, was
Betroffenen-Mainstreaming ist, das heute alle Gäste, die hier sitzen, mit
Ausnahme des Moderators, also von mir,Betroffene oder Experten im Sinne des
Betroffenen-Mainstreaming sind. Der Herr Mizelli und die Frau Bernadette
Feuerstein sind, ich weiß nicht, ob man das schon sagen kann, eigentlich
Pioniere oder tatkräftige VertreterInnen der Selbstbestimmt Leben Bewegung von
Menschen mit Behinderung. Die Frau Maria Brandl hat zwei Kinder und ich lese das
jetzt, weil Sie das so schön geschrieben haben, von denen
eines als behindert schubladisiert wird. Und auch der Herr Dr. Heinz Trompisch,
Sie sind Fachreferent des Sozialministers, aber Sie sind auch Vater eines Kindes
mit Behinderung und als solchen würde ich Sie jetzt
einmal fragen, was ändert sich eigentlich für einen Menschen.
Dr. Heinz Trompisch:
Ich möchte den begriff Kind zwar als biologisch richtig betrachten, aber der
Mann, um den es geht, ist 37 Jahre alt und ist ein ausgewachsener 1,89 m großer,
kräftig gebauter Mensch, der epileptische Anfälle hat, autistische Wahrnehmung
hat und auch in der geistigen Wahrnehmung nicht den handelsüblichen
Normvorstellungen eines 37-jährigen entspricht. Ihre Frage ist, was ändert sich?
Muss ich sagen, es
ändert sich unglaublich viel, denn vor allem, wenn man ein Kind mit besonderen
Bedürfnissen betrachtet neben solchen, die unter der handelsüblichen Marke
nicht-behindert firmieren, dann muss man feststellen, dass diese besonderen
Bedürfnisse eigentlich bedeuten eine Unsicherheit einerseits und eine neue
Aufgabe
andererseits, mit der man sein Lebtag lang konfrontiert ist. Ich meine damit,
dass es wahnsinnig schwierig ist für einen Elternteil, für jenen Menschen, den
man unglaublich gern hat, zurückzutreten, seine Interessen in den Vordergrund
stellt und sich eigentlich als Dolmetscher seiner Interessen zu verstehen hat.
Das ist nicht immer ganz leicht, denn Elternteil sein ist immer auch wieder mit
vielen, für mich jedenfalls,
Unsicherheiten verbunden, was macht man zu viel, was macht man zu wenig. Ich
denke aber, dass, so wie es jetzt eigentlich, Gott sei Dank, es sich in den
letzten zehn Jahren so entwickelt hat, das selbstbestimmte Leben von Menschen
mit Behinderungen oder auch ob es sich um intellektuelle Beeinträchtigungen
handelt, immer stärker der Gedanke des Selbstbestimmten in den Vordergrund tritt
und ich denke, es ist Aufgabe von Elternteilen, an diesem Prozess aktiv
mitzuwirken und es freut mich, dass es hier schon ein
neues Schlagwort gibt, das Betroffenen-Mainstreaming, ohne englische Ausdrücke
geht es offensichtlich heutzutage nicht mehr, aber soweit ich es hier verstehe,
ist das etwas, von dem ich meine, dass es ungemein wichtig auch für die Zukunft
sein wird.
Moderator Gerhard Wagner: Ja, Frau Brandl, Sie wollten auch etwas sagen.
Maria Brandl:
Ich möchte zu dem Thema Selbststimmung noch etwas sagen, weil gerade das ein
wichtiges Thema ist in der Diskussion zwischen behinderten Frauen und Männern
und den eltern behinderter Kinder, weil bis
Dato war es immer so, dass ja gerade Eltern gerade für Schulwesen, Bildungswesen
für ihre Kinder immer eingetreten sind und genau so sind sie als
Elterninteressensvertretung immer auch wahrgenommen worden. Wir treten für
unsere Kinder ein, dass sie Rechte erlangen, dass sie an vielen Teilen des
Lebens gleichberechtigt teilnehmen können, es ist aber nie darum gegangen: Was
brauchen die eltern? Oder: wie gelten die Eltern auch als Betroffene, sondern es
ist immer für die Kinder gegangen, was natürlich logischerweise immer im
vordergrund steht,k aber es kommt dann: die Kinder werden eltern, sie werden
zu erwachsenen Menschen, sie werden zuerst zu Jugendlichen, zu erwachsenen
Menschen, es beginnt dann die schwierige Phase der Loslösung, wo dann immer
wieder zu Eltern gesagt wird: Lasst eure Kinder endlich los!
Lasst eure
Jugendlichen los! Und Eltern stehen da. Die Schlagwörter Selbstbestimmung
bekommen immer mehr an Gewicht, Eltern stehen da, wissen einerseits nicht wohin
loslassen, wissen auch nicht mit dem wort Selbstbestimmung umzugehen, wissen
nicht, was das für ihre Jugendlichen, für ihre erwachsenen Kinder bedeutet und
meiner Meinung nach, und das war auch eine
lange Diskussion, müssen sich schon Eltern mit dem Begriff intensiv
auseinandersetzen und brauchen auch die eltern schon Unterstützung in all den
Jahren, dass sie sich auch damit auseinandersetzen können, was bedeutet für sie
Selbstbestimmung, was heißt das überhaupt, wie kann ich mein Kind im Sinne von
‑Selbstbestimmung erziehen, wie brauche ich Unterstützung von außen, wie kann
ich auch Unterstützung von außen annehmen und welche Unterstützung muss mir auch
geboten werden, dass ich mein Kind
loslassen kann. Also, ich denke mir dieses wort ‑Selbstbestimmung hat im
Betroffenen-Mainstreaming
einen ganz einen hohen Stellenwert und ist auch eine neue Perspektive in der
Diskussion von eltern und
behinderten Frauen und Männern.
Moderator Gerhard Wagner:
Also ich glaube, dass unsere Hörerinnen und Hörer jetzt schon einen ganz guten
eindruck gewonnen
haben. Bevor wir zur Musik gehen, möchte die Frau Feuerstein etwas sagen.
Bernadette Feuerstein:
Zu dem, was die Maria Brandl gesagt hat, ich glaube, dass das auch ein sehr
wichtiger Punkt war, der
sich in unserer Zusammenarbeit herausgestellt hat, dass wir viel voneinander
lernen können und noch
lernen müssen, weil wir einfach die verschiedenen Standpunkte so sehen können
und wir zum Beispiel,
wenn wir zusammenarbeiten, wenn wir also da versuchen eine gemeinsame Basis zu
finden, die wir die
Ängste der Eltern kennenlernen, zum Beispiel, und, aber auch die Eltern unsere
Forderungen kennen lernen
und sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das vielleicht für ihr
Kind ihren jungen Menschen,
den sie ins Leben entlassen wollen, auch ein lebenswerter Weg wäre und ich sag
noch, für mich ist es ein
sehr interessante Erfahrung, weil es gibt ja schon aus einer langen Tradition
heraus immer wieder gut
gepflegte Missverstände der Elterninitiativen mit den selbstbestimmt leben
Initiativen und aus meiner
eigenen Erfahrung heraus, ich bin seit zwei Jahren Mutter, und ich versteh die
Eltern seither besser, weil
ich jetzt anders verstehen kann, was man für Ängste, was man für sorgen mit um
sein Kind haben kann,
also, das war für mich ganz persönlich eine interessante Erfahrung, die
vielleicht auch ein Bisschen zum
Verständnis beigetragen hat.
Moderator Gerhard Wagner:
Sie hören Freakradio auf Mittelwelle 1476, Diskussion gehört gelesen, zum
Thema Betroffenen-
Mainstream. Ja, wir haben jetzt schon einiges gehört, was inhaltlich
Betroffenen-Mainstreaming ist. Ich
würde jetzt aber ganz gerne fragen, wie kommt es zu diesem Ausdruck
Betroffenen-Mainstreaming, es
gibt ja den Ausdruck Gender-Mainstreaming, also ein Synonym für Bemühungen zu
Gleichberechtigung,
das gibt es in der Wissenschaft, das gibt es im sozialen Bereich, das hat sich
eigentlich schon etabliert.
Betroffenen-Mainstreaming ist ja davon offensichtlich abgeleitet. Ich schau
schon die ganze zeit die Frau
Maria Brandl an und können sie uns was dazu erzählen zu diesen beiden Begriffen
Betroffenen-
Mainstreaming.
Maria Brandl:
Ich möchte vielleicht den Begriff Betroffenen-Mainstreaming kurz erklären, so
nach unserer Definition.
Das sind unserem Verständnis nach behinderte Frauen und Männer und Mütter und
Väter behinderter
Töchter und infolge sollen auch Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten mit
eingebunden sein oder
werden. Es gibt derzeit keine Unterscheidung in direkt und indirekt betroffene
Frauen und Männer, weil
auch das ist eine langjährige Diskussion: Gelten Eltern als betroffen oder
gelten Eltern als nicht betroffen?
Wir behaupten, Eltern gelten als betroffen und das ist ein langer
auseinandersetzungsprozess, das heißt,
auch Eltern sind selbst betroffen, jedoch in anderer Weise als die behinderten
Menschen selbst, aber
trotzdem selbst betroffen, also insofern können sie auch selbst ihre Bedürfnisse
formulieren. So soll das
Mainstreaming als Querschnittsmaterie und als Methode zur Erreichung von
Gleichstellungszielen
eingesetzt werden, das heißt, in allen Projekten, die in Zukunft konzipiert,
durchgeführt, geplant werden,
und das gilt jetzt nicht nur für das Equal-Projekt, das ist jetzt einmal in
einem kleinen Rahmen, würde ich
jetzt einmal sagen, es ist ein großes Projekt, aber doch nur ein Projekt, in dem
Betroffenen-
Mainstreaming wirklich so eingesetzt, noch nicht ganz so, wie wir uns das
wirklich vorstellen, aber doch
ein Beginn gemacht wurde und da gehört noch sehr sehr viel weiter gearbeitet,
soll es in Zukunft in allen
Projekten wirklich eingesetzt werden, das heißt: Betroffene Männer und Frauen
wie Mütter und Väter
erarbeiten sich eine Strategie, die auch dann wirklich in den Projekten
umgesetzt werden kann und genau
so, wie Gender-Mainstreaming verpflichtet werden muss. Gender-Mainstreaming ist
ja jetzt schon bei EU-
Projekten einfach, es gibt keine Diskussion, es ist Tatsache. Man hat die
begriffe so zu wählen, man hat die
Schreibweise so zu wählen, man hat darauf zu achten, dass Frauen und Männer
gleichwertig,
gleichberechtigt eingesetzt werden, es werden Evaluierungen gemacht, ob das
umgesetzt wird, wie das
umgesetzt wird, ob es umgesetzt wird, und das Gleiche fordern wir dann für
Betroffenen-Mainstreaming
oder wünschen wir uns, um das fordern nicht so hart und brutal gleich klingen zu
lassen.
Gerhard Wagner (Moderator)
Frau Feuerstein, bevor ich Sie frage möchte ich einmal versuchen laienhaft
nachzutasten, ob ich das Ganze
auch richtig verstanden habe. Das heißt, wenn man sich das anschaut beim
Gendermainstreaming. Früher
hat man das eher auf die Frauen abgetan und das man das abgeschoben hat, das war
in einem
umschaubaren kleinen Bereich, jetzt sage man, gm
geht alle an Männer und Frauen.
Ich habe heute gelesen, das Unterrichts- beziehungsweise Bildungsministerium
mchte Männer und Frauen
haben, beide Experten beider Personen. Da könnte man sagen das ist so ähnlich
bei Ihnen, da möchte
man haben sowohl die Leute mit Behinderung selbst als auch die Angehörigen die
zu diesem Bereich
etwas sagen können. Es hinkt der Vergleich ein bisschen, weil das doch eine
andere Materie ist?
Habe ich das richtig verstanden oder muss man etwas ergänzen? Wahrscheinlich die
Rahmenbedingungen.
Bernadette Feuerstein
Es ist vielleicht nicht ganz so. Gendermainstreaming wird oft falsch verstanden.
Es geht nicht darum, dass
Frauen besonders gefördert, unterstützt oder sonst etwas werden. Es geht darum,
dass Frauen in gleicher
Weise beachtet werden und das gleiche Mitspracherecht haben. Manchmal ist es
natürlich notwendig,
dass eine positive Diskriminierung stattfindet, das heißt, dass Frauen bevorzugt
werden, um eine
Ungerechtigkeit auszugleichen.
Aber grundsätzlich ist es beim Gender, Gender heißt Geschlecht, dass einfach aus
eine
geschlechtssensible Sprache geachtet wird.
Dass darauf geachtet wird, dass Männer und Frauen die gleiche Stimme haben bei
Entscheidungen. Es
geht nicht darum, dass Frauen bevorzugt werden. Wir wünschen uns für das
Betroffenen-Mainstreaming
dass die Betroffenengruppen in einem Projekt auch die gleiche Mitsprache haben
wie die anderen
Experten und Expertinnen.
Es ist so, dass zum Beispiel Pädagogen oder wie heute schon angesprochen wurde
zum Beispiel Ärzte
von vornherein als Experten gesehen werden. Nur wir Betroffenen, sind das
Behinderte oder in unserem
Projekt die Eltern behinderter Kinder und Jugendlicher wir sind nicht von Anfang
an als Experten
gesehen. Wir müssen uns unsere Expertenschaft erst erarbeiten und mussten uns
erarbeiten und müssen
das auch sicherlich noch weiter. Das ist sicherlich ein Prozess, der teilweise
auch mühsam ist, weil man
natürlich gegen Fachleute teilweise mit auseinandersetzen muss und der Weg der
gegenseitigen
Anerkennung ist für beide Seiten ein durchaus dornenreicher.
Gerhard Wagner (Moderator)
Herr Mizelli! Ich habe etwas herausgehört, es scheint mir in diesem Bereich auch
sehr um Gleichstellung
und Gleichberechtigung zu gehen.
Wolfgang Mizelli
Ja, es geht um Gleichberechtigung.
Gerhard Wagner (Moderator)
Inwiefern können jetzt diese Konzepte von Betroffenen-Mainstreaming
dazu beitragen, dass es zu dieser Gleichstellung, Gleichberechtigung kommt?
Wolfgang Mizelli
Inwiefern beitragen. Das ist im Prinzip ganz einfach, indem einfach wenn es um
Projekte für behinderte
Menschen geht oder für Betroffene geht, ich nehme jetzt Väter und Mütter hinein,
behinderter Töchter
und Söhne, dann ist es einfach ein Zeichen der Gleichberechtigung, dass die
Leute, die letztendlich von
diesen Projekten profitieren sollen, von Anfang an daran mitbeteiligt sind, wie
diese Projekte aussehen.
Bernadette Feuerstein
Ich möchte ganz kurz mit einem praktischen Beispiel, was also schon bei der
Projektarbeit passiert. Ich
denke es ist eine ganz andere Situation wenn jetzt ein paar Experten
zusammensetzen und sich überlegen,
wir machen jetzt etwas für die Behinderten, wir machen etwas für die Eltern oder
wenn dann die
behinderten Menschen und Eltern wirklich drinnen sitzen und in dem Projekt man
sich überlegen muss, wo
treffen wir uns eigentlich. Dort kommen wir nicht hinein, dort gibt es kein
barrierefreies WC und
Kinderbetreuung brauchen wir eigentlich auch wenn die Eltern dabei sind. Also da
passiert schon in dem
ganzen Projekt, in der Entwicklung Sachen, wo auch den Experten klar wird was
sie sich in ihren
theoretischen Träumen nicht vorstellen und es eben zu Schwierigkeiten kommt, die
sich die Experten in
ihren theoretischen Vorstellungen nicht gemacht haben.
Gerhard Wagner (Moderator)
Das heißt, die schönen Gedanken der Experten und Expertinnen die bekommen zuerst
einmal Leben
dadurch das es gemacht wird und dann merkt man, dass da und dort auch an Grenzen
stoßen kann und
dann muss man das in gewisser Weise adaptieren und das ist offensichtlich ein
ständiger Prozess, wenn
ich das sehe.
Herr Dr.Trompisch. Sie selbst haben in Ihrem Beruf ständig mit Menschen mit
Behinderungen zu tun. Ich
komme zurück von vorhin habe ich gesagt, dass eben behinderte Menschen
gleichberechtigt sein möchten
und gleichgestellt werden wollen.
Wie sehr kommt das bei dem was Sie tun im Alltag wie sehr sieht man das und
nimmt das zu. Ist das Ihr
Eindruck, dass das heutzutage nicht mehr wegzudiskutieren ist.
Heinz Trompisch
Ich bin seit mehr als ein Vierteljahrhundert in der Behindertenarbeit im
weitesten Sinne tätig und es ist
faszinierend die Entwicklung der letzten 25, 26 Jahre zu beobachten.
Damals waren eigentlich die so genannten Experten und damit meine ich Mediziner,
Pädagogen,
Therapeuten. Psychologen, die diejenigen, die eigentlich für behinderte Menschen
das Sagen hatten, ihr
Leben bestimmt haben, die Richtung ihres Lebens festgelegt haben unter
Außerachtlassung der
behinderten Leute selbst und unter Außerachtlassung der Elternanliegen.
Jetzt seit etwa 15 Jahren hat sich in Österreich der Trend durchgesetzt und
gefestigt, das behinderter
Menschen selber Expertinnen in eigener Sache sind. Zunächst begonnen bei
Menschen die körperlich
behindert sind, sinnesbehindert sind und erst in späterer Hinsicht bei solchen,
die auch psychische
Krankheiten haben, geistige Behinderung haben, denen hat man lange Zeit das
selbstbestimmt Denken
vorenthalten oder auch nicht gefördert.
Nun ist es so, dass Menschen, die eine geistige Behinderung haben,
wahrscheinlich nicht in allen
Lebensbereichen komplett eigenberechtigt selbstbestimmt leben können.
Hilfestellung brauchen und das
ist der Moment wo die Angehörigen dazu kommen, die sich in dem Bereich im
Wesentlichen als, ich
würde sagen, Sprachrohre auch der Menschen mit Behinderung zu verstehen haben.
Nicht die eigenen Interessen der Eltern durchsetzen, ich weiß am besten was für
mein Kind gut ist,
sondern sehr wohl mit zu berücksichtigen, das Kind weiß selber was für das Kind
selber gut ist und das
dann entsprechend zu unterstützen.
So denke ich auch, ist auf der politischen Ebene 8in den letzten Jahren eine
Menge weiter gegangen. Bei
weitem nicht alles was es wirklich sein soll, aber es sind von der politischen
Ebene doch sehr deutliche
Schritte gesetzt worden, Expertinnen in eigener Sache unter Miteinbeziehung auch
der Angehörigen
anzuerkennen und in politische Entscheidungsfindungsprozesse in zunehmendem Maße
mit einzubinden.
Halbzeit
Zum Anfang der Seite
Gerhard Wagner (Moderator)
Ja, liebe Hörerinnen und Hörer. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, Sie könne
jetzt mitdiskutieren wenn Sie wollen. Drehen Sie Ihren Computer auf und
schreiben Sie an info@QSI.at <mailto:info@QSI.at>.
Stellen Sie Fragen, wir werden sie im letzten Teil der Sendung behandeln und ich
bitte Sie, wenn Sie Fragen
haben setzen Sie sich hin und schreiben Sie uns. Wir werden das in die Sendung
gleich noch einbeziehen.
Gerhard Wagner (Moderation):
Sie hören Freak Radio auf Mittelwelle 1476 heute Diskussion gehört gelesen zum
Thema
Betroffenen-Mainstreaming. Wir haben bereits Reaktionen, mein Aufruf hat
gewirkt, und ich
habe da eine Frage die ich gerne auch an den Herren Mizelli - und ich hoffe Sie
hören mich
noch - stellen möchte und zwar: Welche Vorteile oder Ergebnisse kann die
Zusammenarbeit
von Eltern behinderter Kinder oder Jugendlicher und erwachsenen behinderten
Menschen
bringen und wem nützt es am ehesten etwas, gibt es Erfahrungen in diesem
Bereich?
Wolfgang Mizelli: Vorteile.. Die Vorteile, dass wenn wir von Anfang an
sowohl bei den
Ausbildungen als auch bei den Projekten, als auch bei den Dienstleistungen
eingebunden
sind, dass wir das kriegen, was wir brauchen, das wär der erste Vorteil, der
zweite Vorteil
ist, dass es ein wechselseitiges Verständnis geben kann, nachdem ja die
Beziehung
zwischen erwachsenen Frauen und Männern und Eltern eine nicht unbelastete ist,
sag ich an
dieser Stelle einmal so, pauschal ist es einfach der Vorteil, dass trotz dieser
Geschichte
einfach eine Zusammenarbeit entstehen kann und auch entsteht, was das
wechselseitige
Verständnis fördert und damit auch denk ich mir letztendlich als Verbesserung
der Qualität
der Dienstleistungen a la long.
Gerhard Wagner (Moderation):
Frau Feuerstein, sie möchte ich jetzt gleich im Anschluß darauf fragen: Wo kann
man jetzt
dieses Betroffenen-Mainstreaming auch wirklich anwenden, wo wären jetzt die
Bereiche,
wo sich das wirklich auszahlen könnte?
Bernadette Feuerstein:
Wir haben das natürlich in unserem Projekt, dem QSI-Projekt angewendet,
soweit es
möglich war, es wurde also in den Lehrgängen bereits auch erprobt, dass sowohl
Vertreter
der selbstbestimmt Leben Bewegungen als auch VertreterInnen der Elternseite die
Lehrgänge mitgestaltet haben. Und es wäre natürlich aber.. Eigentlich sehen wir
das erst als
Anfang und wir glauben, dass da noch sehr viel geschehen muss und dass das noch
weitergehen muss und unser Wunsch wäre, das in allen Projekten, das Betroffenen-
Mainstreaming so wie das Gender-Mainstreaming Selbstverständlichkeit wird. Wir
haben
es heute schon einmal gehört, ein Begriff der Selbstbestimmt Leben Bewegung
‑Nichts über
uns ohne uns“, denk ich mir gilt für alle betroffenen Gruppen, seien es jetzt
wie in unserem
Fall behinderte Menschen und Eltern behinderter Kinder und Jugendliche, es
können aber
natürlich auch in einem anderen Projekt, in einem anderen Zusammenhang ganz
andere
Betroffenengruppen sein und das Entscheidende ist aber, dass egal wer jetzt die
Betroffenengruppe ist, die immer befragt werden müssen und immer schon bei
Projektplanung, bei der Erarbeitung, bei Konzipierung dabei sein müssen und
nicht erst
dann, wenn jetzt die sogenannten Experten und Expertinnen irgend ein tolles
Projekt
gestartet haben dann im nachhinein die Betroffenen vielleicht gefragt werden, na
so quasi,
‑Wie gfallt euch das jetzt? Wie seids ihr damit zufrieden? Und sich vielleicht
herausstellt,
dass das an der Realität völlig vorbeigeht, dass dann nachgebessert werden muss,
dass
dann mit hohem zeitlichen und vielleicht auch finanziellem Aufwand Korrekturen
vorgenommen werden müssen, es gibt genug Beispiele von solchen Projekten in der
Vergangenheit und leider auch in der Zukunft kenn ich welche, will jetzt hier
keine Namen
nennen, weil ich hoffe, dass da noch Korrekturen passieren, wo einfach, ja,
verschiedene
Fachleute, verschiedene Institutionen über unsere Köpfe und in dem Fall eben
über die
Köpfe behinderter Menschen hinweg eben Projekte ins Leben rufen, durchziehen,
die aber
mit uns überhaupt nichts zu tun haben.
Gerhard Wagner (Moderation):
Man könnte das ja vielleicht..
Wolfgang Mizelli:
Tschuldigung wenn ich mich kurz einmisch: Und auch nicht wenig Geld dafür
ausgeben, das
ist nämlich auch nicht unwichtig, denk ich mir, dass wenn Betroffene beteiligt
sind, dass das
Geld dann einfach auch sinnvoller verwendet wird. Und ned Masse an Geld
ausgegeben
wird für Projekte, die dann letztendlich den Betroffenen nichts nützen.
Gerhard Wagner (Moderation):
Das heißt es gibt wirklich auch tatsächlich Dinge, die wenn man so landläufig
sagt, für die
Katz sind?
Wolfgang Mizelli: Ja, gibt's.
Gerhard Wagner (Moderation):
Und auf der anderen Seite gibt's aber auch Projekte, die so konzepiert sind,
also so ähnlich
wie beim Bauen, wo man nicht vorsieht, behindertengerechte Massnahmen,
barrierefreie
Maßnahmen, wo man das dann viel teurer adaptieren muss, als wenn mans schon von
vornherein gemacht hat, kann man das so vergleichen?
Wolfgang Mizelli:
Ja, kann man. Beim bauen ist es ganz einfach, wenn man in die Planung sofort
mit
einbezieht, das barrierefrei konzipiert, sind die unter Anführungszeichen
‑Mehrkosten
gering, die liegen glaub ich bei 0,1% oder was, wenn man nachträglich adaptiert,
ist es
mindestens 5%, laut einer schweizer Studie und gehen dann bis 10, 15 Prozent der
Bausumme, was ja nicht wenig ist.
Gerhard Wagner (Moderation):
Das ist richtig. Ja, Frau Brandl..
Maria Brandl:
Für mich ist noch was
ganz wichtig, da hab ich Betroffenen-Mainstreaming bei der
Projektplanung oder auch bei der Durchführung ist es so, dass die
Betroffenenmainstreamer
oder Mainstreamerinnen dann auch das Veto-Recht haben. Also nicht nur, dass sie
dabei
sind und scheinbar mitbestimmen, sondern sie dürfen auch wirklich das Projekt
stoppen,
wenn sie sagen: Das ist nicht in unseren Interessen und man muss sich wieder
zusammensetzen und eine Runde einziehen, eine Runde machen und überprüfen, ob
das
wirklich den Nutzen für die Kundinnen und Kunden - ich sag das jetzt unter
Anführungszeichen - ich tu mir mit diesem Begriff immer sehr schwer, ob das auch
wirklich
den
richtigen Nutzen hat. Also das ist für mich noch ein ganz ein wichtiger Punkt
und noch
etwas ist, was vielleicht auch neu ist und da geh ich zurück auf die Lehrgänge,
bis jetzt geht
es ja immer so in Lehrgängen um Wissen, um Können und was bei uns auch ganz neu
ist
und das möchten wir auch in anderen Projekten haben, die Haltung. Also die
Haltung als
ganz wichtigen Punkt einzuführen, als wichtige Säule einzuführen, also was
bedeutet
Haltung, wie äußert sich Haltung, wie äußert sich Haltung in Bezug auf
behinderte Menschen,
zu behinderten Frauen, zu behinderten Männern, zu den Jugendlichen, zu den
Bedürfnissen
von Eltern und das ist auch eine intensive Auseinandersetzung, die bis dato
sehr wenig Platz
gefunden hat, weil sie Zeit kostet. Scheinbar Zeit kostet.
Gerhard Wagner (Moderation)
Ist es nicht auch so, es wird hier ja auch sozusagen ein Dialog angezettelt,
wenn ich das so
auch sagen kann, es ist nicht so, dass nicht nur die nicht-betroffenen von den
Erfahrungen
der Betroffenen lernen, sondern dass man auch gegenseitig lernt. Auch von den
kommen kann, dass man dann im Alltag bestimmte Reaktionen erlebt, über die man
sich
gemeinhin wundert, dass man sich gegenseitig besser zu verstehen beginnt, ist
das so?
Maria Brandl:
Ja natürlich. Mir ist
das verstehen ein bisschen zu wenig. Das ist natürlich sehr wichtig, das
ist natürlich sehr positiv, aber man macht es sich ein bisschen sehr leicht,
wenn man sagt
‑Ja, ja ich versteh das schon. Mir geht es darum, dass das auch wirklich
mündet, in
Veränderungen.
Gerhard Wagner (Moderation):Verhaltensänderungen.
Maria Brandl:
Ja, genau. Also nur verstehen wär mir ein bisschen zu wenig. Das sagen sie bei
allen
Behandlungen ‑Ja, ja ich versteh das schon, aber Und mit dem aber möchte ich
mich nicht
ganz zufrieden geben. Also ich möchte, dass das wirklich in Projekten
Niederschlag findet,
dass das rechtliche Auswirkungen hat, dass es politische Auswirkungen hat, dass
es
weitere Kreise zieht.
Gerhard Wagner (Moderation):
Das heißt es ist ein Prozess, der den Dialog hat aber der auch Strukturen
ändert.
Maria Brandl:
Genau.
Gerhard Wagner
(Moderation):
Herr Doktor Trompisch, Sie haben ja mit sehr, sehr vielen Projekten zu tun,
können Sie sich
vorstellen oder passiert das schon, wie kann da dieses Betroffenen-Mainstreaming
in solche
Projekte, die ja allerort - wir haben schon angesprochen, EU-Projekte, auch in
Österreich
gibts soviet andere Projekte - wie könnte diesel Prozess hier einbezogen werden?
Heinz Trompisch:
Ich denke das ist schon mitten im Werden. Wenn ich jetzt also an Projekte denke
in der
Behindertenmilliarde, sind ja Menschen mit Behinderung sehr wesentlich mit
einbezogen.
Und auch mit in die Evaluierung eingebunden, solcher Projekte. Veto-Recht in dem
Sinne
gibt es noch keines, aber es ist auch so, dass diese Projekte gegen den Willen
der
Betroffenen zumindest nicht mehr so weitergeführt werden und geändert werden.
Und ich
möchte eines aber jetzt noch aufgreifen, was von Ihnen gekommen ist, Herr
Wagner. Dass
es wohl auch ein gegenseitiger Prozess ist. Ich denke, wenn die Frau Brandl
sagt, Verstehen ist ihr zu wenig. Geb ich ihr völlig Recht. Aber es ist der
allererste Schritt das
einander verstehen. Menschen mit Behinderungen, Menschen ohne Behinderungen,
Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Ich denk da gibt es zum Teil auch
historisch
gewisse Ressentiments, die gilt es Aufzuarbeiten zum einen und zum anderen würde
ich
dafür plädieren, dass man nicht nur bei Projekten, dieses
Betroffenen-Mainstreaming
wahrnimmt, sondern dass es ein gesamtgesellschaftlicher Prozess werden soll. Das
ist
etwas, von dem ich davon ausgehe, dass es nicht von heute auf morgen sein wird
können.
Und weil hier am Beginn dieser Diskussion immer wieder das Gender-Mainstreaming
angesprochen worden ist: Natürlich, das ist allgemein politisch anerkannt, aber
wie schauts
denn in der Realität für Frauen aus? Nach wie vor: Ein Drittel weniger
Einkommen, die Hälfte
gesellschaftlicher, enormer Aufholprozess da, auch wenn politisch es klar ist:
Na klar, das
muss wohl so sein. Und ich denke genauso wird's auch mit dem
Betroffenen-Mainstreaming
gehen und Betroffene mein ich jetzt wirklich alle. Die Menschen mit
Behinderungen, die
Menschen ohne Behinderungen, Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Diese
Gemeinsamkeit zu verdeutlichen, zu verstehen, zu internisieren und zu
akzeptieren und zu
leben ist
eine enorme Informations und Motivationsaufgabe, die uns alle trifft. Nur bitte,
wir
müssen realistisch sein, das wird nicht mit dem ersten Jänner 2005 passiert
sein. Aber ich
denk das ist etwas, an dem wir alle verpflichtet sind zu arbeiten.
Gerhard
Wagner (Moderation):
Was nach dem ersten Jänner 2005 passieren kann und passieren soll, das werden
wir in der
nächsten
Runde, wir sind schon im letzten Viertel, beleuchten, vorher aber noch ein paar
Takte Musik bitte.
Musik
Moderator Gerhard Wagner:
Ja, mit smartem Schwung haben wir jetzt die letze, das letzte Viertel der
Diskussion erreicht und ich hab noch eine Frage hereinbekommen und zwar: wie
sind die Reaktionen in jenen Projekten, in denen Betroffenen-Mainstream
stattfindet. Und da frage ich, glaube ich, am besten, die frau Brandl, weil Sie
können uns darüber ein Bisschen etwas sagen.
Maria Brandl:
Ich möchte vielleicht ein bisschen zweiteilen: Einerseits im Rahmen dieser
Entwicklungspartnerschaft, bei der andere Projektträger auch beteiligt waren,
andere Experten und Expertinnen und natürlich hat es eine
intensive Auseinandersetzung gegeben innerhalb dieser Partnershcaft, die auch
nicht ganz konfliktfrei war,
also auch Konflikte sind ein Thema, Konflikte, die sich in Wirklichkeit noch
näher angeschaut werden müssten und auch müssen, und das ist neu. Es ist so,
dass alleine schon die Präsenz oder die Anwesenheit von behinderten Frauen und
Männern und von Eltern mit Ihren Interessen Dinge bewegen, verändern, da geht es
nicht nur um die Barriere, freien Räumlichkeiten, die sonst überhaupt nicht
angesprochen werden,
die hier selbstverständlich sein müssen. Hier geht es auch darum, dass
Assistenz ein Thema ist, mit dem
umgegangen, an dem gelernt wird, mit dem umgegangen werden muss, das für andere
zwar
selbstverständlich, scheinbar selbstverständlich ist, aber in der Realität
überhaupt nie erlebt, dann geht es sehr viel natürlich auch um themen
einbringen, um die Auseinandersetzung vor Ort, das heißt: Diskussionen brauchen
mehr Platz, es müssen Adaptierungen passieren, es müssen Veränderungen passieren
und das ist
gar nicht so einfach für manche, die es gewohnt sind, dass das projekt in der
herkömmlichen Zeit, in der herkömmlichen Art und Weise durcheführt wird und
plötzlich gibt es da Einwände, plötzlich gibt es
Diskussionen. Das ist so einerseits bei Projekten. Vielleicht kann die Frau
Mag. Feuerstein danach etwas sagen, der Herr Mizelli, was für mich noch wichtig
ist innerhalb der lehrgänge: Bei den Teilnehmerinnen, auch hier hat
sich sehr
viel getan.
Maria Brandl:
Für uns interessant ist zB, dass in dem ganzen Themenkomplex das Thema
Selbstbestimmung, diese ganzen Workshops mit Selbstbestimmung, diese
Auseinandersetzung mit Selbstbestimmung einen sehr
großen Eindruck hinterlassen hat, auch wenn es scheinbar der unmittelbar
Verwirrung gebracht hat, hat es
sehr viel nachhaltig verändert.
Ich denke mir, das kann man die Nachhaltigkeit auch sehr gut messen, innerhalb
der TeilnehmerInnen an
Bewusstseinsveränderung gebracht hat. Und das ist ganz anders, wenn das
wirklich Betroffene tatsächlich vermitteln, als wie es würde über
Selbstbestimmung gesprochen.
Gerhard Wagner (Moderator):
Meine Frage an Sie Frau Dr. Feuerstein. Es ist ja so, dass es noch viele
Bereiche gibt, in denen Betroffenen-Mainstreaming wichtig wäre. Also wenn man so
im medizinischen Bereich denkt an die Götter in Weiß, die immer die
Entscheidungen treffen, die immer alles besser wissen. Ist das realistisch,dass
man das im medizinischen Bereich, im pädagogischen Bereich, in den nächsten
Jahren auch wirklich implementieren kann, also dass sich das wirklich
durchsetzen kann?
Bernadette Feuerstein:
Ich glaube, es muss zu einem Miteinander kommen, weil natürlich jetzt wir oder
ich zB nicht nebenbei ein Medizinstudium absolvieren kann und ein Jus-Studium
und ich weiß nicht was, damit ich in allen Bereichen Expertin bin. Ich bin
Expertin als behinderte Frau und weiß da sehr viel und es geht auch darum, dass
wir eine Stimme bekommen, eine gewichtige und unsere Meinung, unsere
Bedürfnisse, unsere Bedingungen auch anerkannt werden. Und dass nicht das, was
jetzt die anderen Experten wie Ärzte, Pädagogen oder
wer auch immer, was die sagen, was angeblich gut ist oder was wir brauchen, das
letzte Wort ist, sondern dass wir da mitreden müssen, mitbestimmen müssen und
wir mit dem gleichen Gewicht, mit der gleichen Berechtigung unser Leben
mitgestalten.
Gerhard Wagner (Moderator):
Wir sind jetzt wirklich schon der Schlussrunde. Herr Mizelli noch eine Frage an
Sie. Was ist für Sie in dem Bereich für die Zukunft, die nächste Zukunft
wirklich vorstellbar, was würden Sie sich wünschen oder wo sehen Sie
Möglichkeiten, dass da wirklich was weitergehen kann im Sinne des
Betroffenen-Mainstreaming.
Wolfgang Mizelli:
Das nächste Ziel, was hoffentlich passieren wird, es wird ein zweites
EQUAL-Projekt geben bzw. ist jetzt in der Antragsphase, wo es ein eigenes Modul
Betroffenen-Mainstreaming gibt, wo sowohl Betroffene selbst zu
Betroffenen-Mainstreamern ausgebildet werden sollen, geschult werden sollen. Und
das zweite ist, wir werden den Gedanken des Betroffenen-Mainstreaming über
dieses Projekt hinaus einfach zu den relevanten
Menschen bringen, vorstellen, Wünsche deponieren, unsere Forderungen deponieren.
Gerhard Wagner (Moderation)
Meine letzte Frage an den Herrn Doktor Trompisch ist eine etwas gemeine, weil
wenn sie jetzt aus dieser Sendung herauskommen, was sie jetzt gerade gehört
haben, wird sich da etwas in Ihrer täglichen Arbeit ändern?
Heinz Trompisch : Ob das jetzt unmittelbar das Ergebnis dieser Sendung
ist oder ob das etwas ist, das ja an sich schon in vielen Bereichen vorhanden
ist, in den politischen Bereichen, in den gesellschaftlichen Bereichen, das lass
ich einmal offen sein ohne den Wert der Sendung herabmindern zu wollen. Ich
denke, dass was für mich
sehr klar herausgekommen ist, ist dieser Anerkennung als
Betroffenen-Mainstreaming. Und ich möchte jetzt nicht unmittelbar jetzt Experten
gegeneinander ausspielen, wie es so manchmal da ein bisschen durchgeklungen ist,
auch von Ihnen, Ärzte nur als Götter in weiß - unter Anführungszeichen - sollte
doch eher vermeinen, gehen wir von einem positiven Ansatzpunkt aus, es will ja
niemand einmal nix schlechtes.
Und ich unterstelle Ärzten einmal, dass sie grundsätzlich nicht nur schlechtes
wollen und ich unterstell das auch nicht den Pädagogen und ich unterstell das
nicht den Pädagogen. Das worum es jetzt geht ist eigentlich die Anerkennung der
Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen als Experten für ihre eigenen
Angelegenheiten, die in ihre eigenen Angelegenheiten betreffenden Sachen
gleichen Wert, gleiche
Stimme, gleiches Anrecht gehört zu werden haben wie alle anderen auch. Dort wo
es die persönliche Situation des Menschen mit Behinderung betrifft, denke ich
haben die Menschen mit Behinderung und deren Angehörige als Betroffene vorrang
in ihrer Meinung, in ihrer Expertise, gegenüber den anderen.
Und ich glaub wenn man das von dieser Sendung mitnimmt in das Leben hinaus, vor
allem auch ins gesellschaftspolitische Leben, dann ist es ein Anreiz, in diese
Richtung intensiv weiter zu arbeiten. Jenseits von Equalprojekten, jenseits von
einzelnen sonstigen Anlässen in das allgemeine gesellschaftliche Leben hinaus.
Gerhard Wagner (Moderation)
Ja und ich hoffe, dass wir in diesem Sinne einen Beitrag zum Dialog, ja nicht
nur zum Dialog sondern zum tatkräftigen Dialog beigetragen haben.
Damit sind
wir am Ende unserer Sendung, wir bedanken uns bei
jenen, die diese Sendung auch so schnell für ‑Diskussion gehört gelesen im
Internet abgeschrieben haben, wir bedanken uns auch beim Techniker Udo Somma für
die Unterstützung und nächste Woche hören Sie bei Freak Radio eine Diskussion
über die Frage ob es in Europa einen Sozialabbau gibt und dann einen
Kulturbeitrag über die Premiere der Oper Irrelohe an der Wiener Volksoper. Damit
verabschiede ich mich namens des gesamten Freak Radio Teams, Gerhard Wagner, und
wünsche Ihnen noch einen guten Abend.
Auf Wiederhören!
zur Halbzeit zurück
copyright DGG-2004
Sie hörten eine Sendung der Diskussion gehört gelesen. Diskussion gehört gelesen
ist
eine Kooperation von Freak Radio, dem ORF und Entwicklungspartnerschaft QSI.
QSI wird gefördert aus dem Mittel des ESF und des BMWA.
Danke für die Mitwirkung und die Teilnahme per Mail an alle im Internet und im
Chat
Die Redaktion Diskussion Gehört Gelesen
Herzlichen
Dank für Ihr Interesse
Im Namen der Redaktion Diskussion Gehört Gelesen
Auch
herzlichen Dank unseren technischen Assistenten
zur Halbzeit zurück
Das Team