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12. Oktober 04:  

 "Wie kann aus dem Slogan 'Nichts über uns ohne uns' ein Instrument werden?"

„Was ist Betroffenenmainstreaming?“

 

Gäste : Maria Brandl, Bernadette Feuerstein, Heinz Trompisch, Wolfgang Mizelli

Moderation: Gerhard Wagner

Das Team:  Am Ende der DGG

Sie können während der nächsten Stunde live an unserer Diskussion teilnehmen, indem Sie uns eine E-Mail schicken unter info@qsi.at <mailto:info@qsi.at>

Gerhard Wagner (Moderator):
Einen schönen guten Abend bei Freak Radio Diskussion gehört gelesen sagt heute Gerhard Wagner. Wir sprechen diesmal über Betroffenen-Mainstreaming, was das ist, das erfahren Sie gleich. Doch zuerst
haben wir noch eine kurze Signation für Sie vorbereitet, was Diskussion gehört gelesen ist.

Diskussion gehört gelesen ist als barrierefreies Medium zu hören
unter <http://>1476.orf.at
Diskussion gehört gelesen - Radio mit Untertiteln wird gemeinsam
von Freak-Radio und dem ORF Radio 1476 sowie der
Selbstbestimmt Leben Initiative Wien im Rahmen des Equal-Projektes
Sie hören eine Diskussion aus der Reihe Diskussion gehört gelesen. Diskussion gehört gelesen ist eine Zusammenarbeit von Freak Radio, dem ORF Radio 1476 und der Equal Entwicklungspartnerschaft QSI
quality supported skills for integration- Qualitätskriterien im integrativen Bereich, die sich der Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit verschrieben hat. Die Selbstbestimmt Leben Initiative Wien gestaltet diese Integrationsplattform zum Thema
Qualität in der Integration. Der barrierefreie Informationsaustausch steht dabei im Vordergrund


Gerhard Wagner (Moderator):
Wir sprechen eben heute über Betroffenen-Mainstreaming. Und zu Gast sind vier Leute, einer am Telefon zugeschaltet und ich möchte mit Ihnen beginnen Frau Maria Brandl. Sie sind die Geschäftsführerin von Integration:Österreich und welche Zugang haben Sie zur Betroffenen-Mainstreaming und was ist das überhaupt? Und warum kommt's dazu?

Maria Brandl:
Ich möchte ein bißl ausführen zum Betroffenen-Mainstreaming. Warum ist das entstanden? Es ist im  Rahmen der EQUAL-Partnerschaft entstanden. Da ist es darum gegangen, war unsere Idee, nachdem mein Herkunftsbereich aus der Elterninteressensbewegung ist, das war die Idee dahinter, Betroffene soll in einem Projekt bei allen Dingen mitarbeiten, bei der Projektentwicklung, bei der Projektkonzipierung und auch bei der Projektdurchführung. Da war es so, dass Selbstbestimmt Leben Wien als gleichwertiger
Partner miteingebunden war und ist und Integration Österreich als Interessensvertretung, als Projektträger. Im Laufe dieses Projektes kamen wir darauf, dass es nicht selbstverständlich ist, dass betroffene Frauen und Männer automatisch auch die Interessen von Eltern, von Müttern und Vätern behinderter Kinder und
Jugendlicher mitvertreten, weil unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Herkünfte bestehen. So ist Laufe dieses Projektes immer mehr auch eine eigene Diskussion zwischen behinderten Frauen und Männer, wie Müttern und Vätern entstanden und auch die Ideen standen gemeinsam, eine Positionierung auszuarbeiten, gemeinsam die Interessen einzubringen, gemeinsame
Forderungen in diesem Projekt miteinfließen zu lassen, dass von allen anderen Partnern auch gleichwertig diese Interessen gehört werden. Dies ist so der Hintergrund. Vielleicht darf ich weitergeben.

Darf ich nur kurz den Hörern vorstellen. Sie hören jetzt Frau Bernadette Feuerstein. Sie ist die  Vorsitzende von SLI Wien.

Bernadette Feuerstein:
Also für uns als VertreterInnen der Selbstbestimmt Leben Initiative also VertreterInnen von Menschen mit Behinderung war es von Anfang an klar, welche Position wir in diesem EQUAL-Projekt haben werden.Nämlich die Sichtweise und die Standpunkte der Menschen mit Behinderung zu vertreten und in allen Planungs- und Entwicklungsphasen in dieses Projekt einzubringen. Und ich erzähl mal ein bißl, wie es so im Rückblick ausgeschaut hat. Wir haben also so vor uns hingearbeitet mit den anderen Expertinnen und
Experten, die also aus verschiedenen Bereichen kommen und dann ist eben im Laufe der Zusammenarbeit so das Gfühl entstanden und auch von einer betroffenen Mutter, also einer Mutter mit einem behinderten Kind, es sind ja eigentlich die Eltern zu wenig vertreten. Und wo bitte bleiben jetzt bitte hier die Eltern? Es war mich nicht so ein Problem. Ich hab mir gedacht, das ganze Projekt ist von Integration Österreich als Koordinator hauptverantwortlich, da sind die Eltern sowieso drinnen, aber es hat sich dann herausgestellt,
und das war uns auch bei Diskussion und bei der weiteren Zusammenarbeit schon klar, dass wirklich jetzt die Position der Eltern als Betroffene zu wenig Gewicht gehabt hat.

Gerhard Wagner (Moderator):

Vielleicht darf ich einmal so kurz nachfragen. Also meines Wissens ist es ja so noch immer, dass bei sehr, sehr vielen Projekten, die gemacht werden, Experten, die manchmal Ärzte sind, manchmal Erziehungswissenschafter, die überhaupt nichts mit Betroffenheit zu tun haben, sozusagen über die Kopf
aller Betroffenen hinweg es besser wissen, sag ich jetzt einmal. Dann sind aufgestanden die behinderten Menschen selbst und haben gesagt. ‑Moment, wir sind Experten und Expertinnen in eigener Sache und
wir wollen da auch mitsprechen und mitreden. Und dann als dritten Schritt ist man eigentlich auch draufgekommen, das reicht noch nicht, denn eigentlich sind ja die Angehörigen, die Partner auch betroffen und können das aus ihrer und das ist wieder eine andere Sicht erzählen. Und das war, glaub ich, wenn ich das jetzt richtig verstanden hab so die Entstehung. Herr Wolfgang Mizelli, Sie sind Vorsitzender von
SLIÖ, auch Betroffener, wie ist das aus Ihrer Sicht entstanden und was konkret haben Sie da bewirken können ,- jetzt schon?

Wolfgang Mizelli:

Zunächst einmal zu einer Geschichte, wie es entstanden ist. Die EQUAL-Partnerschaft hat sich selbst den Auftrag gegeben, Betroffene auf allen Ebenen mitentscheiden zu lassen. So ist es entstanden. Für mich was klar, als ich da eingestiegen bin, eine gute Sache ist erstmals der Versuch, eine langjährige politische Forderung der Selbstbestimmt Leben Bewegung, nämlich ‑Nicht über uns ohne uns- in die Tat umzusetzen. Das war der erste Schritt. Der zweite Schritt war Einbeziehung von Müttern und Vätern behinderter Söhne und Töchter. Was auch ein spannender Prozess ist, den wir gehen müssen, weil es nur
zusammen geht und nicht getrennt, sag ich jetzt einmal. Die zweite Frage war...

 Gerhard Wagner (Moderator):
Sie haben sich ja schon einige Konzepte überlegt, Gedanken gemacht, haben Sie schon was umsetzen
können?

Wolfgang Mizelli:
Umsetzen insofern, dass wir jetzt einmal bei den Dingen jetzt in der Entwicklungspartnerschaft, um die es
geht, also sprich vier Lehrgänge für Integrationsfachkräfte zu entwickeln, konkret SchulbegleiterInnen, Freizeitassistenz, Familienentlastung, ElternbildnerInnen und FamilienberaterInnen, das ja eigentlich sag ich
jetzt einmal so von unserem Kräftestand mitgearbeitet haben an der Entwicklung der Curricula, dass sowohl Väter und Mütter bzw. als auch Behinderte/Betroffene als ReferentInnen in den Lehrgängen waren. Dass wir einen eigenen Grundlehrgang hatten zum Thema, was bedeutet Selbstbestimmung. Und
dass wir eigentlich versucht haben und auch getan haben, alle Konzepte, alle Curricula drüberzulesen und
Anmerkungen zu machen, die dann auch weitgehend umgesetzt wurden.

Gerhard Wagner (Moderator):

Ich möchte vielleicht jetzt noch erwähnen, wir werden noch genauer sprechen, was Betroffenen-Mainstreaming ist, das heute alle Gäste, die hier sitzen, mit Ausnahme des Moderators, also von mir,Betroffene oder Experten im Sinne des Betroffenen-Mainstreaming sind. Der Herr Mizelli und die Frau Bernadette Feuerstein sind, ich weiß nicht, ob man das schon sagen kann, eigentlich Pioniere oder tatkräftige VertreterInnen der Selbstbestimmt Leben Bewegung von Menschen mit Behinderung. Die Frau Maria Brandl hat zwei Kinder und ich lese das jetzt, weil Sie das so schön geschrieben haben, von denen
eines als behindert schubladisiert wird. Und auch der Herr Dr. Heinz Trompisch, Sie sind Fachreferent des Sozialministers, aber Sie sind auch Vater eines Kindes mit Behinderung und als solchen würde ich Sie jetzt
einmal fragen, was ändert sich eigentlich für einen Menschen.


Dr. Heinz Trompisch:
Ich möchte den begriff Kind zwar als biologisch richtig betrachten, aber der Mann, um den es geht, ist 37 Jahre alt und ist ein ausgewachsener 1,89 m großer, kräftig gebauter Mensch, der epileptische Anfälle hat, autistische Wahrnehmung hat und auch in der geistigen Wahrnehmung nicht den handelsüblichen Normvorstellungen eines 37-jährigen entspricht. Ihre Frage ist, was ändert sich? Muss ich sagen, es
ändert sich unglaublich viel, denn vor allem, wenn man ein Kind mit besonderen Bedürfnissen betrachtet neben solchen, die unter der handelsüblichen Marke nicht-behindert firmieren, dann muss man feststellen, dass diese besonderen Bedürfnisse eigentlich bedeuten eine Unsicherheit einerseits und eine neue Aufgabe
andererseits, mit der man sein Lebtag lang konfrontiert ist. Ich meine damit, dass es wahnsinnig schwierig ist für einen Elternteil, für jenen Menschen, den man unglaublich gern hat, zurückzutreten, seine Interessen in den Vordergrund stellt und sich eigentlich als Dolmetscher seiner Interessen zu verstehen hat. Das ist nicht immer ganz leicht, denn Elternteil sein ist immer auch wieder mit vielen, für mich jedenfalls,
Unsicherheiten verbunden, was macht man zu viel, was macht man zu wenig. Ich denke aber, dass, so wie es jetzt eigentlich, Gott sei Dank, es sich in den letzten zehn Jahren so entwickelt hat, das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderungen oder auch ob es sich um intellektuelle Beeinträchtigungen handelt, immer stärker der Gedanke des Selbstbestimmten in den Vordergrund tritt und ich denke, es ist Aufgabe von Elternteilen, an diesem Prozess aktiv mitzuwirken und es freut mich, dass es hier schon ein
neues Schlagwort gibt, das Betroffenen-Mainstreaming, ohne englische Ausdrücke geht es offensichtlich heutzutage nicht mehr, aber soweit ich es hier verstehe, ist das etwas, von dem ich meine, dass es ungemein wichtig auch für die Zukunft sein wird.


Moderator Gerhard Wagner: Ja, Frau Brandl, Sie wollten auch etwas sagen.
Maria Brandl:
Ich möchte zu dem Thema Selbststimmung noch etwas sagen, weil gerade das ein wichtiges Thema ist in der Diskussion zwischen behinderten Frauen und Männern und den eltern behinderter Kinder, weil bis
Dato war es immer so, dass ja gerade Eltern gerade für Schulwesen, Bildungswesen für ihre Kinder immer eingetreten sind und genau so sind sie als Elterninteressensvertretung immer auch wahrgenommen worden. Wir treten für unsere Kinder ein, dass sie Rechte erlangen, dass sie an vielen Teilen des Lebens gleichberechtigt teilnehmen können, es ist aber nie darum gegangen: Was brauchen die eltern? Oder: wie gelten die Eltern auch als Betroffene, sondern es ist immer für die Kinder gegangen, was natürlich logischerweise immer im vordergrund steht,k aber es kommt dann: die Kinder werden eltern, sie werden
zu erwachsenen Menschen, sie werden zuerst zu Jugendlichen, zu erwachsenen Menschen, es beginnt dann die schwierige Phase der Loslösung, wo dann immer wieder zu Eltern gesagt wird: Lasst eure Kinder endlich los!

 

Lasst eure Jugendlichen los! Und Eltern stehen da. Die Schlagwörter Selbstbestimmung bekommen immer mehr an Gewicht, Eltern stehen da, wissen einerseits nicht wohin loslassen, wissen auch nicht mit dem wort Selbstbestimmung umzugehen, wissen nicht, was das für ihre Jugendlichen, für ihre erwachsenen Kinder bedeutet und meiner Meinung nach, und das war auch eine
lange Diskussion, müssen sich schon Eltern mit dem Begriff intensiv auseinandersetzen und brauchen auch die eltern schon Unterstützung in all den Jahren, dass sie sich auch damit auseinandersetzen können, was bedeutet für sie Selbstbestimmung, was heißt das überhaupt, wie kann ich mein Kind im Sinne von
‑Selbstbestimmung erziehen, wie brauche ich Unterstützung von außen, wie kann ich auch Unterstützung von außen annehmen und welche Unterstützung muss mir auch geboten werden, dass ich mein Kind
loslassen kann. Also, ich denke mir dieses wort ‑Selbstbestimmung hat im Betroffenen-Mainstreaming
einen ganz einen hohen Stellenwert und ist auch eine neue Perspektive in der Diskussion von eltern und
behinderten Frauen und Männern.

Moderator Gerhard Wagner:
Also ich glaube, dass unsere Hörerinnen und Hörer jetzt schon einen ganz guten eindruck gewonnen
haben. Bevor wir zur Musik gehen, möchte die Frau Feuerstein etwas sagen.

Bernadette Feuerstein:
Zu dem, was die Maria Brandl gesagt hat, ich glaube, dass das auch ein sehr wichtiger Punkt war, der
sich in unserer Zusammenarbeit herausgestellt hat, dass wir viel voneinander lernen können und noch
lernen müssen, weil wir einfach die verschiedenen Standpunkte so sehen können und wir zum Beispiel,
wenn wir zusammenarbeiten, wenn wir also da versuchen eine gemeinsame Basis zu finden, die wir die
Ängste der Eltern kennenlernen, zum Beispiel, und, aber auch die Eltern unsere Forderungen kennen lernen
und sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das vielleicht für ihr Kind ihren jungen Menschen,
den sie ins Leben entlassen wollen, auch ein lebenswerter Weg wäre und ich sag noch, für mich ist es ein
sehr interessante Erfahrung, weil es gibt ja schon aus einer langen Tradition heraus immer wieder gut
gepflegte Missverstände der Elterninitiativen mit den selbstbestimmt leben Initiativen und aus meiner
eigenen Erfahrung heraus, ich bin seit zwei Jahren Mutter, und ich versteh die Eltern seither besser, weil
ich jetzt anders verstehen kann, was man für Ängste, was man für sorgen mit um sein Kind haben kann,
also, das war für mich ganz persönlich eine interessante Erfahrung, die vielleicht auch ein Bisschen zum
Verständnis beigetragen hat.

Moderator Gerhard Wagner:
Sie hören Freakradio auf Mittelwelle 1476, Diskussion gehört gelesen, zum Thema Betroffenen-
Mainstream. Ja, wir haben jetzt schon einiges gehört, was inhaltlich Betroffenen-Mainstreaming ist. Ich
würde jetzt aber ganz gerne fragen, wie kommt es zu diesem Ausdruck Betroffenen-Mainstreaming, es
gibt ja den Ausdruck Gender-Mainstreaming, also ein Synonym für Bemühungen zu Gleichberechtigung,
das gibt es in der Wissenschaft, das gibt es im sozialen Bereich, das hat sich eigentlich schon etabliert.
Betroffenen-Mainstreaming ist ja davon offensichtlich abgeleitet. Ich schau schon die ganze zeit die Frau
Maria Brandl an und können sie uns was dazu erzählen zu diesen beiden Begriffen Betroffenen-
Mainstreaming.

Maria Brandl:
Ich möchte vielleicht den Begriff Betroffenen-Mainstreaming kurz erklären, so nach unserer Definition.
Das sind unserem Verständnis nach behinderte Frauen und Männer und Mütter und Väter behinderter
Töchter und infolge sollen auch Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten mit eingebunden sein oder
werden. Es gibt derzeit keine Unterscheidung in direkt und indirekt betroffene Frauen und Männer, weil
auch das ist eine langjährige Diskussion: Gelten Eltern als betroffen oder gelten Eltern als nicht betroffen?
Wir behaupten, Eltern gelten als betroffen und das ist ein langer auseinandersetzungsprozess, das heißt,
auch Eltern sind selbst betroffen, jedoch in anderer Weise als die behinderten Menschen selbst, aber
trotzdem selbst betroffen, also insofern können sie auch selbst ihre Bedürfnisse formulieren. So soll das
Mainstreaming als Querschnittsmaterie und als Methode zur Erreichung von Gleichstellungszielen
eingesetzt werden, das heißt, in allen Projekten, die in Zukunft konzipiert, durchgeführt, geplant werden,
und das gilt jetzt nicht nur für das Equal-Projekt, das ist jetzt einmal in einem kleinen Rahmen, würde ich
jetzt einmal sagen, es ist ein großes Projekt, aber doch nur ein Projekt, in dem Betroffenen-


Mainstreaming wirklich so eingesetzt, noch nicht ganz so, wie wir uns das wirklich vorstellen, aber doch
ein Beginn gemacht wurde und da gehört noch sehr sehr viel weiter gearbeitet, soll es in Zukunft in allen
Projekten wirklich eingesetzt werden, das heißt: Betroffene Männer und Frauen wie Mütter und Väter
erarbeiten sich eine Strategie, die auch dann wirklich in den Projekten umgesetzt werden kann und genau
so, wie Gender-Mainstreaming verpflichtet werden muss. Gender-Mainstreaming ist ja jetzt schon bei EU-
Projekten einfach, es gibt keine Diskussion, es ist Tatsache. Man hat die begriffe so zu wählen, man hat die
Schreibweise so zu wählen, man hat darauf zu achten, dass Frauen und Männer gleichwertig,
gleichberechtigt eingesetzt werden, es werden Evaluierungen gemacht, ob das umgesetzt wird, wie das
umgesetzt wird, ob es umgesetzt wird, und das Gleiche fordern wir dann für Betroffenen-Mainstreaming
oder wünschen wir uns, um das fordern nicht so hart und brutal gleich klingen zu lassen.


Gerhard Wagner (Moderator)
Frau Feuerstein, bevor ich Sie frage möchte ich einmal versuchen laienhaft nachzutasten, ob ich das Ganze
auch richtig verstanden habe. Das heißt, wenn man sich das anschaut beim Gendermainstreaming. Früher
hat man das eher auf die Frauen abgetan und das man das abgeschoben hat, das war in einem
umschaubaren kleinen Bereich, jetzt sage man, gm
geht alle an Männer und Frauen.
Ich habe heute gelesen, das Unterrichts- beziehungsweise Bildungsministerium mchte Männer und Frauen
haben, beide Experten beider Personen. Da könnte man sagen das ist so ähnlich bei Ihnen, da möchte
man haben sowohl die Leute mit Behinderung selbst als auch die Angehörigen die zu diesem Bereich
etwas sagen können. Es hinkt der Vergleich ein bisschen, weil das doch eine andere Materie ist?
Habe ich das richtig verstanden oder muss man etwas ergänzen? Wahrscheinlich die Rahmenbedingungen.

Bernadette Feuerstein
Es ist vielleicht nicht ganz so. Gendermainstreaming wird oft falsch verstanden. Es geht nicht darum, dass
Frauen besonders gefördert, unterstützt oder sonst etwas werden. Es geht darum, dass Frauen in gleicher
Weise beachtet werden und das gleiche Mitspracherecht haben. Manchmal ist es natürlich notwendig,
dass eine positive Diskriminierung stattfindet, das heißt, dass Frauen bevorzugt werden, um eine
Ungerechtigkeit auszugleichen.
Aber grundsätzlich ist es beim Gender, Gender heißt Geschlecht, dass einfach aus eine
geschlechtssensible Sprache geachtet wird.
Dass darauf geachtet wird, dass Männer und Frauen die gleiche Stimme haben bei Entscheidungen. Es
geht nicht darum, dass Frauen bevorzugt werden. Wir wünschen uns für das Betroffenen-Mainstreaming
dass die Betroffenengruppen in einem Projekt auch die gleiche Mitsprache haben wie die anderen
Experten und Expertinnen.
Es ist so, dass zum Beispiel Pädagogen oder wie heute schon angesprochen wurde zum Beispiel Ärzte
von vornherein als Experten gesehen werden. Nur wir Betroffenen, sind das Behinderte oder in unserem
Projekt die Eltern behinderter Kinder und Jugendlicher wir sind nicht von Anfang an als Experten
gesehen. Wir müssen uns unsere Expertenschaft erst erarbeiten und mussten uns erarbeiten und müssen
das auch sicherlich noch weiter. Das ist sicherlich ein Prozess, der teilweise auch mühsam ist, weil man
natürlich gegen Fachleute teilweise mit auseinandersetzen muss und der Weg der gegenseitigen
Anerkennung ist für beide Seiten ein durchaus dornenreicher.

Gerhard Wagner (Moderator)
Herr Mizelli! Ich habe etwas herausgehört, es scheint mir in diesem Bereich auch sehr um Gleichstellung
und Gleichberechtigung zu gehen.

Wolfgang Mizelli
Ja, es geht um Gleichberechtigung.

Gerhard Wagner (Moderator)
Inwiefern können jetzt diese Konzepte von Betroffenen-Mainstreaming
dazu beitragen, dass es zu dieser Gleichstellung, Gleichberechtigung kommt?

Wolfgang Mizelli
Inwiefern beitragen. Das ist im Prinzip ganz einfach, indem einfach wenn es um Projekte für behinderte
Menschen geht oder für Betroffene geht, ich nehme jetzt Väter und Mütter hinein, behinderter Töchter
und Söhne, dann ist es einfach ein Zeichen der Gleichberechtigung, dass die Leute, die letztendlich von
diesen Projekten profitieren sollen, von Anfang an daran mitbeteiligt sind, wie diese Projekte aussehen.

Bernadette Feuerstein
Ich möchte ganz kurz mit einem praktischen Beispiel, was also schon bei der Projektarbeit passiert. Ich
denke es ist eine ganz andere Situation wenn jetzt ein paar Experten zusammensetzen und sich überlegen,
wir machen jetzt etwas für die Behinderten, wir machen etwas für die Eltern oder wenn dann die
behinderten Menschen und Eltern wirklich drinnen sitzen und in dem Projekt man sich überlegen muss, wo
treffen wir uns eigentlich. Dort kommen wir nicht hinein, dort gibt es kein barrierefreies WC und
Kinderbetreuung brauchen wir eigentlich auch wenn die Eltern dabei sind. Also da passiert schon in dem
ganzen Projekt, in der Entwicklung Sachen, wo auch den Experten klar wird was sie sich in ihren
theoretischen Träumen nicht vorstellen und es eben zu Schwierigkeiten kommt, die sich die Experten in
ihren theoretischen Vorstellungen nicht gemacht haben.

Gerhard Wagner (Moderator)
Das heißt, die schönen Gedanken der Experten und Expertinnen die bekommen zuerst einmal Leben
dadurch das es gemacht wird und dann merkt man, dass da und dort auch an Grenzen stoßen kann und
dann muss man das in gewisser Weise adaptieren und das ist offensichtlich ein ständiger Prozess, wenn
ich das sehe.
Herr Dr.Trompisch. Sie selbst haben in Ihrem Beruf ständig mit Menschen mit Behinderungen zu tun. Ich
komme zurück von vorhin habe ich gesagt, dass eben behinderte Menschen gleichberechtigt sein möchten
und gleichgestellt werden wollen.
Wie sehr kommt das bei dem was Sie tun im Alltag wie sehr sieht man das und nimmt das zu. Ist das Ihr
Eindruck, dass das heutzutage nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Heinz Trompisch
Ich bin seit mehr als ein Vierteljahrhundert in der Behindertenarbeit im weitesten Sinne tätig und es ist
faszinierend die Entwicklung der letzten 25, 26 Jahre zu beobachten.
Damals waren eigentlich die so genannten Experten und damit meine ich Mediziner, Pädagogen,
Therapeuten. Psychologen, die diejenigen, die eigentlich für behinderte Menschen das Sagen hatten, ihr
Leben bestimmt haben, die Richtung ihres Lebens festgelegt haben unter Außerachtlassung der
behinderten Leute selbst und unter Außerachtlassung der Elternanliegen.
Jetzt seit etwa 15 Jahren hat sich in Österreich der Trend durchgesetzt und gefestigt, das behinderter
Menschen selber Expertinnen in eigener Sache sind. Zunächst begonnen bei Menschen die körperlich
behindert sind, sinnesbehindert sind und erst in späterer Hinsicht bei solchen, die auch psychische
Krankheiten haben, geistige Behinderung haben, denen hat man lange Zeit das selbstbestimmt Denken
vorenthalten oder auch nicht gefördert.
Nun ist es so, dass Menschen, die eine geistige Behinderung haben, wahrscheinlich nicht in allen
Lebensbereichen komplett eigenberechtigt selbstbestimmt leben können. Hilfestellung brauchen und das
ist der Moment wo die Angehörigen dazu kommen, die sich in dem Bereich im Wesentlichen als, ich
würde sagen, Sprachrohre auch der Menschen mit Behinderung zu verstehen haben.
Nicht die eigenen Interessen der Eltern durchsetzen, ich weiß am besten was für mein Kind gut ist,
sondern sehr wohl mit zu berücksichtigen, das Kind weiß selber was für das Kind selber gut ist und das
dann entsprechend zu unterstützen.
So denke ich auch, ist auf der politischen Ebene 8in den letzten Jahren eine Menge weiter gegangen. Bei
weitem nicht alles was es wirklich sein soll, aber es sind von der politischen Ebene doch sehr deutliche
Schritte gesetzt worden, Expertinnen in eigener Sache unter Miteinbeziehung auch der Angehörigen
anzuerkennen und in politische Entscheidungsfindungsprozesse in zunehmendem Maße mit einzubinden.

Halbzeit   Zum Anfang der Seite

Gerhard Wagner (Moderator)
Ja, liebe Hörerinnen und Hörer. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, Sie könne jetzt mitdiskutieren wenn Sie wollen. Drehen Sie Ihren Computer auf und schreiben Sie an info@QSI.at <mailto:info@QSI.at>.
Stellen Sie Fragen, wir werden sie im letzten Teil der Sendung behandeln und ich bitte Sie, wenn Sie Fragen
haben setzen Sie sich hin und schreiben Sie uns. Wir werden das in die Sendung gleich noch einbeziehen.
Gerhard Wagner (Moderation):
Sie hören Freak Radio auf Mittelwelle 1476 heute Diskussion gehört gelesen zum Thema
Betroffenen-Mainstreaming. Wir haben bereits Reaktionen, mein Aufruf hat gewirkt, und ich
habe da eine Frage die ich gerne auch an den Herren Mizelli - und ich hoffe Sie hören mich
noch - stellen möchte und zwar: Welche Vorteile oder Ergebnisse kann die Zusammenarbeit
von Eltern behinderter Kinder oder Jugendlicher und erwachsenen behinderten Menschen
bringen und wem nützt es am ehesten etwas, gibt es Erfahrungen in diesem Bereich?

Wolfgang Mizelli: Vorteile.. Die Vorteile, dass wenn wir von Anfang an sowohl bei den
Ausbildungen als auch bei den Projekten, als auch bei den Dienstleistungen eingebunden
sind, dass wir das kriegen, was wir brauchen, das wär der erste Vorteil, der zweite Vorteil
ist, dass es ein wechselseitiges Verständnis geben kann, nachdem ja die Beziehung
zwischen erwachsenen Frauen und Männern und Eltern eine nicht unbelastete ist, sag ich an
dieser Stelle einmal so, pauschal ist es einfach der Vorteil, dass trotz dieser Geschichte
einfach eine Zusammenarbeit entstehen kann und auch entsteht, was das wechselseitige
Verständnis fördert und damit auch denk ich mir letztendlich als Verbesserung der Qualität
der Dienstleistungen a la long.

Gerhard Wagner (Moderation):
Frau Feuerstein, sie möchte ich jetzt gleich im Anschluß darauf fragen: Wo kann man jetzt
dieses Betroffenen-Mainstreaming auch wirklich anwenden, wo wären jetzt die Bereiche,
wo sich das wirklich auszahlen könnte?

Bernadette Feuerstein:
Wir haben das natürlich in unserem Projekt, dem QSI-Projekt angewendet, soweit es
möglich war, es wurde also in den Lehrgängen bereits auch erprobt, dass sowohl Vertreter
der selbstbestimmt Leben Bewegungen als auch VertreterInnen der Elternseite die
Lehrgänge mitgestaltet haben. Und es wäre natürlich aber.. Eigentlich sehen wir das erst als
Anfang und wir glauben, dass da noch sehr viel geschehen muss und dass das noch
weitergehen muss und unser Wunsch wäre, das in allen Projekten, das Betroffenen-
Mainstreaming so wie das Gender-Mainstreaming Selbstverständlichkeit wird. Wir haben
es heute schon einmal gehört, ein Begriff der Selbstbestimmt Leben Bewegung ‑Nichts über
uns ohne uns“, denk ich mir gilt für alle betroffenen Gruppen, seien es jetzt wie in unserem
Fall behinderte Menschen und Eltern behinderter Kinder und Jugendliche, es können aber
natürlich auch in einem anderen Projekt, in einem anderen Zusammenhang ganz andere
Betroffenengruppen sein und das Entscheidende ist aber, dass egal wer jetzt die
Betroffenengruppe ist, die immer befragt werden müssen und immer schon bei
Projektplanung, bei der Erarbeitung, bei Konzipierung dabei sein müssen und nicht erst
dann, wenn jetzt die sogenannten Experten und Expertinnen irgend ein tolles Projekt
gestartet haben dann im nachhinein die Betroffenen vielleicht gefragt werden, na so quasi,
‑Wie gfallt euch das jetzt? Wie seids ihr damit zufrieden? Und sich vielleicht herausstellt,
dass das an der Realität völlig vorbeigeht, dass dann nachgebessert werden muss, dass
dann mit hohem zeitlichen und vielleicht auch finanziellem Aufwand Korrekturen
vorgenommen werden müssen, es gibt genug Beispiele von solchen Projekten in der
Vergangenheit und leider auch in der Zukunft kenn ich welche, will jetzt hier keine Namen
nennen, weil ich hoffe, dass da noch Korrekturen passieren, wo einfach, ja, verschiedene
Fachleute, verschiedene Institutionen über unsere Köpfe und in dem Fall eben über die
Köpfe behinderter Menschen hinweg eben Projekte ins Leben rufen, durchziehen, die aber
mit uns überhaupt nichts zu tun haben.

Gerhard Wagner (Moderation):
Man könnte das ja vielleicht..

Wolfgang Mizelli:
Tschuldigung wenn ich mich kurz einmisch: Und auch nicht wenig Geld dafür ausgeben, das
ist nämlich auch nicht unwichtig, denk ich mir, dass wenn Betroffene beteiligt sind, dass das
Geld dann einfach auch sinnvoller verwendet wird. Und ned Masse an Geld ausgegeben
wird für Projekte, die dann letztendlich den Betroffenen nichts nützen.

Gerhard Wagner (Moderation):
Das heißt es gibt wirklich auch tatsächlich Dinge, die wenn man so landläufig sagt, für die
Katz sind?
Wolfgang Mizelli: Ja, gibt's.
Gerhard Wagner (Moderation):
Und auf der anderen Seite gibt's aber auch Projekte, die so konzepiert sind, also so ähnlich
wie beim Bauen, wo man nicht vorsieht, behindertengerechte Massnahmen, barrierefreie
Maßnahmen, wo man das dann viel teurer adaptieren muss, als wenn mans schon von
vornherein gemacht hat, kann man das so vergleichen?

Wolfgang Mizelli:
Ja, kann man. Beim bauen ist es ganz einfach, wenn man in die Planung sofort mit
einbezieht, das barrierefrei konzipiert, sind die unter Anführungszeichen ‑Mehrkosten
gering, die liegen glaub ich bei 0,1% oder was, wenn man nachträglich adaptiert, ist es
mindestens 5%, laut einer schweizer Studie und gehen dann bis 10, 15 Prozent der
Bausumme, was ja nicht wenig ist.

Gerhard Wagner (Moderation):
Das ist richtig. Ja, Frau Brandl..

Maria Brandl:
Für mich ist noch was ganz wichtig, da hab ich Betroffenen-Mainstreaming bei der
Projektplanung oder auch bei der Durchführung ist es so, dass die Betroffenenmainstreamer
oder Mainstreamerinnen dann auch das Veto-Recht haben. Also nicht nur, dass sie dabei
sind und scheinbar mitbestimmen, sondern sie dürfen auch wirklich das Projekt stoppen,
wenn sie sagen: Das ist nicht in unseren Interessen und man muss sich wieder
zusammensetzen und eine Runde einziehen, eine Runde machen und überprüfen, ob das
wirklich den Nutzen für die Kundinnen und Kunden - ich sag das jetzt unter
Anführungszeichen - ich tu mir mit diesem Begriff immer sehr schwer, ob das auch wirklich

 den richtigen Nutzen hat. Also das ist für mich noch ein ganz ein wichtiger Punkt und noch
etwas ist, was vielleicht auch neu ist und da geh ich zurück auf die Lehrgänge, bis jetzt geht
es ja immer so in Lehrgängen um Wissen, um Können und was bei uns auch ganz neu ist
und das möchten wir auch in anderen Projekten haben, die Haltung. Also die Haltung als
ganz wichtigen Punkt einzuführen, als wichtige Säule einzuführen, also was bedeutet
Haltung, wie äußert sich Haltung, wie äußert sich Haltung in Bezug auf behinderte Menschen,
zu behinderten Frauen, zu behinderten Männern, zu den Jugendlichen, zu den Bedürfnissen
 von Eltern und das ist auch eine intensive Auseinandersetzung, die bis dato sehr wenig Platz
gefunden hat, weil sie Zeit kostet. Scheinbar Zeit kostet.

Gerhard Wagner (Moderation)
Ist es nicht auch so, es wird hier ja auch sozusagen ein Dialog angezettelt, wenn ich das so
auch sagen kann, es ist nicht so, dass nicht nur die nicht-betroffenen von den Erfahrungen
der Betroffenen lernen, sondern dass man auch gegenseitig lernt. Auch von den
kommen kann, dass man dann im Alltag bestimmte Reaktionen erlebt, über die man sich
gemeinhin wundert, dass man sich gegenseitig besser zu verstehen beginnt, ist das so?

Maria Brandl:
Ja natürlich. Mir ist das verstehen ein bisschen zu wenig. Das ist natürlich sehr wichtig, das
ist natürlich sehr positiv, aber man macht es sich ein bisschen sehr leicht, wenn man sagt
‑Ja, ja ich versteh das schon. Mir geht es darum, dass das auch wirklich mündet, in
Veränderungen.

Gerhard Wagner (Moderation):Verhaltensänderungen.

Maria Brandl:
Ja, genau. Also nur verstehen wär mir ein bisschen zu wenig. Das sagen sie bei allen
Behandlungen ‑Ja, ja ich versteh das schon, aber Und mit dem aber möchte ich mich nicht
ganz zufrieden geben. Also ich möchte, dass das wirklich in Projekten Niederschlag findet,
dass das rechtliche Auswirkungen hat, dass es politische Auswirkungen hat, dass es
weitere Kreise zieht.

Gerhard Wagner (Moderation):

Das heißt es ist ein Prozess, der den Dialog hat aber der auch Strukturen ändert.

Maria Brandl: Genau.

Gerhard Wagner (Moderation):
Herr Doktor Trompisch, Sie haben ja mit sehr, sehr vielen Projekten zu tun, können Sie sich
vorstellen oder passiert das schon, wie kann da dieses Betroffenen-Mainstreaming in solche
Projekte, die ja allerort - wir haben schon angesprochen, EU-Projekte, auch in Österreich
gibts soviet andere Projekte - wie könnte diesel Prozess hier einbezogen werden?

Heinz Trompisch:
Ich denke das ist schon mitten im Werden. Wenn ich jetzt also an Projekte denke in der
Behindertenmilliarde, sind ja Menschen mit Behinderung sehr wesentlich mit einbezogen.
Und auch mit in die Evaluierung eingebunden, solcher Projekte. Veto-Recht in dem Sinne
gibt es noch keines, aber es ist auch so, dass diese Projekte gegen den Willen der
Betroffenen zumindest nicht mehr so weitergeführt werden und geändert werden. Und ich
möchte eines aber jetzt noch aufgreifen, was von Ihnen gekommen ist, Herr Wagner. Dass
es wohl auch ein gegenseitiger Prozess ist. Ich denke, wenn die Frau Brandl sagt, Verstehen ist ihr zu wenig. Geb ich ihr völlig Recht. Aber es ist der allererste Schritt das
einander verstehen. Menschen mit Behinderungen, Menschen ohne Behinderungen,
Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Ich denk da gibt es zum Teil auch historisch
gewisse Ressentiments, die gilt es Aufzuarbeiten zum einen und zum anderen würde ich
dafür plädieren, dass man nicht nur bei Projekten, dieses Betroffenen-Mainstreaming
wahrnimmt, sondern dass es ein gesamtgesellschaftlicher Prozess werden soll. Das ist
etwas, von dem ich davon ausgehe, dass es nicht von heute auf morgen sein wird können.
Und weil hier am Beginn dieser Diskussion immer wieder das Gender-Mainstreaming

 angesprochen worden ist: Natürlich, das ist allgemein politisch anerkannt, aber wie schauts
denn in der Realität für Frauen aus? Nach wie vor: Ein Drittel weniger Einkommen, die Hälfte
gesellschaftlicher, enormer Aufholprozess da, auch wenn politisch es klar ist: Na klar, das
muss wohl so sein. Und ich denke genauso wird's auch mit dem Betroffenen-Mainstreaming
 gehen und Betroffene mein ich jetzt wirklich alle. Die Menschen mit Behinderungen, die
Menschen ohne Behinderungen, Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Diese
Gemeinsamkeit zu verdeutlichen, zu verstehen, zu internisieren und zu akzeptieren und zu

 leben ist eine enorme Informations und Motivationsaufgabe, die uns alle trifft. Nur bitte, wir
müssen realistisch sein, das wird nicht mit dem ersten Jänner 2005 passiert sein. Aber ich
denk das ist etwas, an dem wir alle verpflichtet sind zu arbeiten. 

 Gerhard Wagner (Moderation):
Was nach dem ersten Jänner 2005 passieren kann und passieren soll, das werden wir in der

 nächsten Runde, wir sind schon im letzten Viertel, beleuchten, vorher aber noch ein paar Takte Musik bitte.
Musik
 
 Moderator Gerhard Wagner:
 Ja, mit smartem Schwung haben wir jetzt die letze, das letzte Viertel der Diskussion erreicht und ich hab noch eine Frage hereinbekommen und zwar: wie sind die Reaktionen in jenen Projekten, in denen Betroffenen-Mainstream stattfindet. Und da frage ich, glaube ich, am besten, die frau Brandl, weil Sie
können uns darüber ein Bisschen etwas sagen.
 
Maria Brandl:
 Ich möchte vielleicht ein bisschen zweiteilen: Einerseits im Rahmen dieser Entwicklungspartnerschaft, bei der andere Projektträger auch beteiligt waren, andere Experten und Expertinnen und natürlich hat es eine
 intensive Auseinandersetzung gegeben innerhalb dieser Partnershcaft, die auch nicht ganz konfliktfrei war,
 also auch Konflikte sind ein Thema, Konflikte, die sich in Wirklichkeit noch näher angeschaut werden müssten und auch müssen, und das ist neu. Es ist so, dass alleine schon die Präsenz oder die Anwesenheit von behinderten Frauen und Männern und von Eltern mit Ihren Interessen Dinge bewegen, verändern, da geht es nicht nur um die Barriere, freien Räumlichkeiten, die sonst überhaupt nicht angesprochen werden,
 die hier selbstverständlich sein müssen. Hier geht es auch darum, dass Assistenz ein Thema ist, mit dem
umgegangen, an dem gelernt wird, mit dem umgegangen werden muss, das für andere zwar
 selbstverständlich, scheinbar selbstverständlich ist, aber in der Realität überhaupt nie erlebt, dann geht es sehr viel natürlich auch um themen einbringen, um die Auseinandersetzung vor Ort, das heißt: Diskussionen brauchen mehr Platz, es müssen Adaptierungen passieren, es müssen Veränderungen passieren und das ist
 gar nicht so einfach für manche, die es gewohnt sind, dass das projekt in der herkömmlichen Zeit, in der herkömmlichen Art und Weise durcheführt wird und plötzlich gibt es da Einwände, plötzlich gibt es
 Diskussionen. Das ist so einerseits bei Projekten. Vielleicht kann die Frau Mag. Feuerstein danach etwas sagen, der Herr Mizelli, was für mich noch wichtig ist innerhalb der lehrgänge: Bei den Teilnehmerinnen, auch hier hat

sich sehr viel getan.


 
Maria Brandl:
Für uns interessant ist zB, dass in dem ganzen Themenkomplex das Thema Selbstbestimmung, diese ganzen Workshops mit Selbstbestimmung, diese Auseinandersetzung mit Selbstbestimmung einen sehr
 großen Eindruck hinterlassen hat, auch wenn es scheinbar der unmittelbar Verwirrung gebracht hat, hat es
 sehr viel nachhaltig verändert.
 Ich denke mir, das kann man die Nachhaltigkeit auch sehr gut messen, innerhalb der TeilnehmerInnen an
 Bewusstseinsveränderung gebracht hat. Und das ist ganz anders, wenn das wirklich Betroffene tatsächlich vermitteln, als wie es würde über Selbstbestimmung gesprochen.


Gerhard Wagner (Moderator):
Meine Frage an Sie Frau Dr. Feuerstein. Es ist ja so, dass es noch viele Bereiche gibt, in denen Betroffenen-Mainstreaming wichtig wäre. Also wenn man so im medizinischen Bereich denkt an die Götter in Weiß, die immer die Entscheidungen treffen, die immer alles besser wissen. Ist das realistisch,dass man das im medizinischen Bereich, im pädagogischen Bereich, in den nächsten Jahren auch wirklich implementieren kann, also dass sich das wirklich durchsetzen kann?


Bernadette Feuerstein:
Ich glaube, es muss zu einem Miteinander kommen, weil natürlich jetzt wir oder ich zB nicht nebenbei ein Medizinstudium absolvieren kann und ein Jus-Studium und ich weiß nicht was, damit ich in allen Bereichen Expertin bin. Ich bin Expertin als behinderte Frau und weiß da sehr viel und es geht auch darum, dass wir eine Stimme bekommen, eine gewichtige und unsere Meinung, unsere Bedürfnisse, unsere Bedingungen auch anerkannt werden. Und dass nicht das, was jetzt die anderen Experten wie Ärzte, Pädagogen oder
 wer auch immer, was die sagen, was angeblich gut ist oder was wir brauchen, das letzte Wort ist, sondern dass wir da mitreden müssen, mitbestimmen müssen und wir mit dem gleichen Gewicht, mit der gleichen Berechtigung unser Leben mitgestalten.


 Gerhard Wagner (Moderator):
 Wir sind jetzt wirklich schon der Schlussrunde. Herr Mizelli noch eine Frage an Sie. Was ist für Sie in dem Bereich für die Zukunft, die nächste Zukunft wirklich vorstellbar, was würden Sie sich wünschen oder wo sehen Sie Möglichkeiten, dass da wirklich was weitergehen kann im Sinne des Betroffenen-Mainstreaming.


Wolfgang Mizelli:
Das nächste Ziel, was hoffentlich passieren wird, es wird ein zweites EQUAL-Projekt geben bzw. ist jetzt in der Antragsphase, wo es ein eigenes Modul Betroffenen-Mainstreaming gibt, wo sowohl Betroffene selbst zu Betroffenen-Mainstreamern ausgebildet werden sollen, geschult werden sollen. Und das zweite ist, wir werden den Gedanken des Betroffenen-Mainstreaming über dieses Projekt hinaus einfach zu den relevanten
Menschen bringen, vorstellen, Wünsche deponieren, unsere Forderungen deponieren.


 Gerhard Wagner (Moderation)
Meine letzte Frage an den Herrn Doktor Trompisch ist eine etwas gemeine, weil wenn sie jetzt aus dieser Sendung herauskommen, was sie jetzt gerade gehört haben, wird sich da etwas in Ihrer täglichen Arbeit ändern?


Heinz Trompisch : Ob das jetzt unmittelbar das Ergebnis dieser Sendung ist oder ob das etwas ist, das ja an sich schon in vielen Bereichen vorhanden ist, in den politischen Bereichen, in den gesellschaftlichen Bereichen, das lass ich einmal offen sein ohne den Wert der Sendung herabmindern zu wollen. Ich denke, dass was für mich
 sehr klar herausgekommen ist, ist dieser Anerkennung als Betroffenen-Mainstreaming. Und ich möchte jetzt nicht unmittelbar jetzt Experten gegeneinander ausspielen, wie es so manchmal da ein bisschen durchgeklungen ist, auch von Ihnen, Ärzte nur als Götter in weiß - unter Anführungszeichen - sollte doch eher vermeinen, gehen wir von einem positiven Ansatzpunkt aus, es will ja niemand einmal nix schlechtes.
 Und ich unterstelle Ärzten einmal, dass sie grundsätzlich nicht nur schlechtes wollen und ich unterstell das auch nicht den Pädagogen und ich unterstell das nicht den Pädagogen. Das worum es jetzt geht ist eigentlich die Anerkennung der Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen als Experten für ihre eigenen Angelegenheiten, die in ihre eigenen Angelegenheiten betreffenden Sachen gleichen Wert, gleiche
Stimme, gleiches Anrecht gehört zu werden haben wie alle anderen auch. Dort wo es die persönliche Situation des Menschen mit Behinderung betrifft, denke ich haben die Menschen mit Behinderung und deren Angehörige als Betroffene vorrang in ihrer Meinung, in ihrer Expertise, gegenüber den anderen.
Und ich glaub wenn man das von dieser Sendung mitnimmt in das Leben hinaus, vor allem auch ins gesellschaftspolitische Leben, dann ist es ein Anreiz, in diese Richtung intensiv weiter zu arbeiten. Jenseits von Equalprojekten, jenseits von einzelnen sonstigen Anlässen in das allgemeine gesellschaftliche Leben hinaus.


Gerhard Wagner (Moderation)
Ja und ich hoffe, dass wir in diesem Sinne einen Beitrag zum Dialog, ja nicht nur zum Dialog sondern zum tatkräftigen Dialog beigetragen haben.

Damit sind wir am Ende unserer Sendung, wir bedanken uns bei
jenen, die diese Sendung auch so schnell für ‑Diskussion gehört gelesen im Internet abgeschrieben haben, wir bedanken uns auch beim Techniker Udo Somma für die Unterstützung und nächste Woche  hören Sie bei Freak Radio eine Diskussion über die Frage ob es in Europa einen Sozialabbau gibt und dann einen Kulturbeitrag über die Premiere der Oper Irrelohe an der Wiener Volksoper. Damit
verabschiede ich mich namens des gesamten Freak Radio Teams, Gerhard Wagner, und wünsche Ihnen noch einen guten Abend.


Auf Wiederhören!
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Sie hörten eine Sendung der Diskussion gehört gelesen. Diskussion gehört gelesen ist
eine Kooperation von Freak Radio, dem ORF und Entwicklungspartnerschaft QSI.
QSI wird gefördert aus dem Mittel des ESF und des BMWA.

Danke für die Mitwirkung und die Teilnahme per Mail an alle im Internet und im Chat
Die Redaktion Diskussion Gehört Gelesen

Herzlichen Dank für Ihr Interesse
Im Namen der Redaktion Diskussion Gehört Gelesen
 

Auch herzlichen Dank unseren technischen Assistenten

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Das Team

bullet Redaktionsleitung:         Bernhard Hruska
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Studio Technik:             Franz Ahammer

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                                   Udo Somma

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Moderation:                  Gerhard Wagner

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Sendeverantwortung:     Katharina Zabransky

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Edv-Technik:                 Michael Pfortner

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Transkription:                Brigitte Achleitner

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                                    Margit Schlesak

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                                    Erich Schmid

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                                    Maximilian Lasser

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Technische und persönliche

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Assistenz:                     Sokol Gashi

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                             Sota Istrefi

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Bei Fragen oder Unklarheiten im Zusammenhang mit dieser Website, wenden Sie sich bitte an [
info@selbstbestimmtleben.at].
Stand: 16. Dezember 2004.